Da brennt die Luft
Thüringisches Hoheitsgebiet, kurz vor den Osterferien. Die Zeit hinkt, bleibt gelegentlich stehen und sieht nach der wintrigen Sonne. Nach langem Stapfen unter Autobahnbrücken, über Hügel, vorbei an Hinweisschildern, Hochsitzen und Gehöften, aus denen hier und da ein Husten dringt, geht es weiter auf gefrorenen Wegen und knirschendem Gras, die Felder braun, die Bäume nackt, windig, einsam die Flur, dunkel der Wald. Lichtung, schnaufen, verweilen, weiter, um die Biegung. Pubertierende Forsythien und eine Anordnung kommen in Sicht, die einen GASTHOF erahnen lassen. Es splittert, blättert und rostet, und die Mittagssonne taucht die verlassene Terrasse mit den Kunststoffmöbeln in nostalgisches Licht; eine beschriftete Tafel nährt den Verdacht, dass jemand warme Wurstmahlzeiten herstellen und Handel treiben will. Fragt sich nur mit wem.
Der Blick schweift umher. Hinter dem Zaun bläst der Wind den Zwergponys und Ziegen Schneisen in den Pelz. Reflexhaft an die Scheibe des Bestelltresens geklopft, rührt sich etwas im Innern, und ein stark behaarter Mann schiebt das Fenster auf. Das Besondere ist nicht, dass der Mann nur ein Handtuch um die Hüften trägt. Das Besondere ist, dass er jedem ein hartgekochtes Ei in die Hand drückt. Umgehend wird der Bohnenkaffee aufgesetzt.
Wir warten in der Sonne unter einem Fliegenpilz.
Mit überschwappenden Henkeltassen kommt der Mann aus dem Haus, und wie jemand, der lange hat schweigen müssen, stemmt er die Hände in die inzwischen bekleideten Hüften und beleuchtet unaufgefordert Geschichte und Gegenwart des Gasthofs, rückläufige Zwergtierzahlen, nahegelegene Aussichtspunkte, Liechtensteiner Finanzskandale und die Notwendigkeit eines Großeinkaufs für das anstehende Osterfest. Schließlich kassiert er die Zeche, um mit Blick über die abschüssige Tischlandschaft zu phantasieren, dass das anstehende Osterfest dem Gasthof buntes Treiben und eine erkleckliche Geldsumme bescheren werde.
Vor dem inneren Auge steigt die Auferstehungsparty. Überall Eierschalen. Wurstdämpfe bis in den Himmel. Gezeter am Ponyzaun. Jägermeister für alle. Parkende Autos, trunkenes Lachen, Musik aus den Boxen, Schweißflecken unterm Arm, Maik und Mandy kommen sich näher, Fliegenpilze schützen vor der Sonne am kaiserblauen Himmel, Würste, aufsteigender Blutdruck, Würste, Magensäure, ein Aufstoßen geht unter im Dröhnen der Motoren und ein Rudel Hell’s Angels fährt knatternd vor …
„Leute”, sagt der Mann, bevor er sich abwendet und zuversichtlich im Haus verschwindet, “da brennt die Luft.”
Leute, da BRENNT die LUFT!
Leute, HOT YOGA ist HOT. Ohne die heißen Öfen in den Zimmerecken wäre das anders. Das wissen wir inzwischen ALLE zur GENÜGE! Leute, es gibt Leute, die suchen sich sogar EXTRA den HEISSESTEN Platz im Raum aus. Wenn’s richtig voll ist „wie in einer WURSTPELLE“, wenn die Matten DICHT an DICHT liegen, auch DAS mögen manche BESONDERS gern, sind achtunddreißig Grad schnell überstiegen, was zu gefühlten Brattemperaturen führen kann und beweist, dass YOGA MEHR IST ALS RÄUCHERKERZEN und OM-AUFSAGEN bis zum UMFALLEN. Es ist außerdem TEFLON, FEGEFEUER, DAMPFLOKBETREIBEN, PRÜFUNGSANGST, OHNE KLIMAANLAGE, FATA MORGANA, SAUNAWETTBEWERB und WALLUNGEN. Wäre ja alles machbar, wenn man einfach nur mit geschlossenen Augen auf dem Handtuch liegen und an EISKALTES GATORADE, ALPENPANORAMA, FERIEN oder LUFT denken dürfte.
Stattdessen wilder Aktionismus, bei dem uns SCHWINDLIG oder SCHLECHT wird und wir nach LUFT SCHNAPPEN müssen. Wir sinken zu Boden, lassen den Kopf hängen und leiden. Wenn wir ERSTICKEN, VERDURSTEN, BEWUSSTLOS ZU WERDEN oder auch STERBEN ZU MÜSSEN glauben, sagen die Lehrer, das sei GANZ NORMAL! Dergleichen antizipierend geben sie deshalb vorher das Gebot an die Schüler heraus, den RAUM UNTER KEINEN UMSTÄNDEN ZU VERLASSEN. Ja, Leute, den Raum nicht verlassen. Egal was passiert. Erstprobanden werden blass. Sie begreifen, dass es zu spät ist, jetzt noch den Raum zu verlassen.
Ja, Leute, den Raum zu verlassen kommt einer TODSÜNDE gleich und geht mit dem allseitigen VERLUST der RAUM CREDIBILITY einher. Das Durchhaltekommando „HABT SPASS!“ wirkt da genauso utopisch wie die Einsicht in die Notwendigkeit des vielzitierten „KILL YOURSELF IN 90 MINUTES“.
US-Amerikanisches Hoheitsgebiet, kurz nach den Weihnachtsferien. Ein Yogastudio. 15 Uhr 30, Begrüßungstemperatur heiß, Thermometer steigend. Der Lehrer besteigt das Podest. Schon beim Bogen im Stehen sitzen auffallend viele. Es ist HEISS, Leute. Mexikanisch heiß: Erinnerungen an rote Gesichter und blaue Brecheimer werden wach. Flach atmen und DEN RAUM NICHT VERLASSEN. DEN RAUM NICHT VERLASSEN. Nach einer Stunde auf dem Boden angekommen, liegen die meisten. Noch sind alle im Raum. Bis ein Waschbrettbauch mutig den ersten Schritt wagt. Er steht auf und verlässt den RAUM. Dies scheint das Stichwort für eine Dame aus der dritten Reihe zu sein. Auch sie VERLÄSST den RAUM. Verlässt da etwa noch ein Dritter den Raum? Das ist ungewöhnlich, Leute. Es ist heiß, Leute. Sieht so die Revolte aus?
Sieht so die halbe Schildkröte aus?
Und dann heult jemand SEHR LAUT AUF. Nur ist es kein JEMAND. Es ist eine SIRENE, die SO LAUT HEULT, DASS MAN AUGENBLICKLICH ÜBERZEUGT IST, FÜR DEN REST SEINES LEBENS EINEN HÖRSCHADEN DAVONZUTRAGEN. Es ist FEUERALARM, Leute! JA, LEUTE, FEUERALARM! FEUERALARM! FEUERALARM! LAUT LAUT LAUT LAUT! UND ES HÖRT NICHT AUF!
RAUM VERLASSEN! RAUM VERLASSEN! RAUM VERLASSEN!
Und zwar SOFORT!
Innerhalb von Sekunden stehen alle in Mänteln auf der Straße statt auf Knien im Kamel, und die herannahenden Feuerwehrsirenen (TATÜ TATA) heulen mit dem Feueralarm aus dem Innern des Gebäudes um die Wette.
Einen BRAND im herkömmlichen Sinne vermutete natürlich niemand. Und zwar zu Recht. Nein, Leute, es brannte einfach nur die Luft.
Kennen wir uns?
Es verfolgt einen, dieses Training. Es dackelt hinterher wie der Pudel dem Faust. Als hätte man die Taschen voller Frolics. Bei jedem flüchtigen Blick in jede Berliner Menschenmenge tauchen Körperformen, komische Hosen, ein Rückentattoo aus dem Training auf. Dé-ja-vus, wohin das Auge reicht. Als wären einem dreihundert willkürliche Personen als Ur-Prägung ins Gehirn gestempelt worden, auf deren Merkmale hin man fortan zwanghaft sämtliche wildfremden Personen überprüfen müsste. Man kommt sich vor wie sein eigener Beamter hinter dem eigenen Pass- und Sichtvermerksschalter. Oder wie eine paranoide Schwimmmeisterin am Beckenrand des Gen-Pools „Acapulco Frühjahr 2008“.
Dass Leute unter Palmen liegen und es trotzdem schlimm haben können, beweisen Ereignisse wie Kriege und Tsunamis. Kriegsverherrlichung kommt in den besten Welten vor, was wiederum Feldzüge von Naturkatastrophen unterscheidet. Ach herrlich, der Hurrikan ‚Hola’! Hat er die Dörfer platt gemacht! Und Tausende zu Krüppeln und Waisen! Da hatte eben noch alles seine Unordnung! Dem Teacher Training – diesem Zwischending aus Bootcamp und Im-Auge-des-Sturms-sein – aber nun tatsächlich ein bisschen, wenn nicht „nachzutrauen“, dann vielleicht „im Nachhinein etwas abzugewinnen“, befriedigt und beunruhigt zugleich. Fällt das unter retroaktives Stockholm Syndrom? Oder Masochismus?
Selbst die glubschäugigste Texanerin hat ihren Schatten hinterlassen, und ihr Quaken hallt nach. Busenwunder, Schirmmützen, Eimer, die chronisch knappen Zeitfenster und Verzweiflungstaten wie Kleiderkäufe bei WalMart verfolgen einen ebenso hautnah wie Bikrams Heilsversprechen „Now nothing can steal your peace of mind“. Das, mein Lieber, wollen wir erst mal sehen. Er scheint bis in die Lungenspitzen des Seins zu reichen, der Dunst jener durchgetakteten Yoga-Welt, die einer deutschen Behörde alle Ehre machen würde. Was bestimmt an den indogermanischen Wurzeln liegt. Zugegeben, die Mechanismen zu sehen und sich klagend darüber auszulassen, um sie im Anschluss in ihrer Summe als etwas Großes, Gelungenes und Rätselhaftes zu verklären, macht die Apotheose dieses Zehntausenddollar-Cluburlaubs kaum vertretbarer.
Beim Besuch von Mandy* damals in der vierten Trainingswoche sickerten für wenige Tage die wirkliche Welt und einige heimliche Gläser Sekt auf Eis in die Yogablase ein. Wenn umgekehrt die Geister aus der Blase auftauchen, dann entweder in Form von E-mails, oder aber in leibhaftiger Gestalt der schweizer Flugbegleiterin S., die anlässlich eines Stopovers mit Schokolade, ihrer Co-Pilotin und den Yogasachen im Studio auftauchte, um Samstagsmittag mitzuturnen. Wieder einmal ging mir auf, dass man Dinge aus der surrealen Welt in die vermeintlich reale getrost mit offenen Augen überfließen lassen kann. Man kann ja auch einen zerlaufenen Camembert von Edeka auf ein Gemälde von Dali applizieren. Nur Mut. Dass dabei womöglich die Alarmanlage losgeht, liegt einfach nur in der Natur der Dinge.
* Name von der Redaktion geändert.
… und löst euch auf!
Nach der mittlerweile dritten Yogaklasse sehen wir den großen Dichter Ernst Jandl wieder einmal bestätigt: lechts und rinks kann man velwechsern, und wird man velwechsern. „Linkes Bein eingebeugt, rechter Fuß über das linke Knie, linker Arm schiebt das rechte Bein zurück, oder das linke Bein, greift das linke Knie, oder das rechte, jedenfalls das am Boden liegende Knie, mit der — rechten Hand? Der linken Hand. Linke Hand. Jetzt haben wir’s. Einatmen, und drehen!“ Abgesehen von derlei Verwirrungen, und verschiedenen Versprechern, unter anderem der Aufforderung an die Klasse, sich aufzulösen (in Wohlgefallen? in Luft? in ihre Bestandteile?), sowie der partiellen Unfähigkeit, bei der Abschlussatmung rückwärts von fünf nach eins zu zählen, ging es – bisher – so weit – doch erstaunlich gut mit dem Unterrichten. Die Leute auf den Matten machen tatsächlich das, was man da in den Raum ruft – arrein das ist eine bahnblechende Elfahlung.
„Euphorie“, mal schnell gegoogelt,
- bezeichnet eine subjektive, temporäre Gemütsverfassung mit allgemeiner Hochstimmung, gehobenem Lebensgefühl, verminderten Hemmungen.
- abgeleitet von gr. „euphoros“ „gesund“, welches sich aus „eu“ „gut“ und „phrein“ „(er)tragen(d)“ [!] zusammensetzt.
- biologisch durch den Botenstoff Dopamin ausgelöst.
- bedingt durch Drogen, Arzneimittel, Alkohol, extreme körperliche Leistungen, überstandene Extremsituationen.
Drogen, Alkohol und Arzneimittel fallen (weitestgehend) schon mal weg. Dann müssen es wohl doch Leistung und Extremsituation gewesen sein, weswegen der Absturz in der Wirklichkeit, Flughafen Frankfurt am Main, Montag den 9. Juni gegen halb vier nachmittags, erwartbar gewesen war, und eintraf. So bittersüß wie die Vertreibung aus dem Traningsparadies gestaltete sich also die Rückkehr in das sogenannte ‚alte Leben’, trotz des Umstands, nun als Inderin wiedergeboren zu sein und mit einem unpedikürten Fuß in Bikrams vielzitiertem Zustand des „cosmic consciousness“ zu stehen. Wovon zunächst wenig zu spüren war nach der beinahe 24-stündigen Rückreise. In Wahrheit waren da vor allem ein Frosch im Hals, ein zugeschnürter Magen und alle weiteren Unbehaglichkeitsklischees zu spüren, und dazu noch das Gefühl, zwar zertifiziert, aber völlig unqualifiziert zu sein und in diesem zweifelhaften Zustand sehr bald schon vor eine Klasse treten zu müssen. Sie „in die Übung rein, und aus der Übung rausbringen“ zu müssen. Den Erwartungen des heimatlichen Yogastudios gerecht werden zu müssen. Und auf schlabbrige Tortillas in roter Soße zum Frühstück verzichten zu müssen. Gruselig.
Es war, als wenn wir zwei Monate lang Kaufmannsladen gespielt hätten, um am nächsten Morgen an der Wall Street anzufangen.
Wenigstens konnte Deutschland sommerliche Temperaturen vorweisen. Nichtsdestoweniger wirkte die Wirklichkeit unwirtlich, verschwommen, unwirklich, und irgendwie frustrierend. Schon aus der Luft zeitigte der Anblick der landschaftlichen Reinlichkeit und geschrubbten Autobahnen weniger Wiedersehensfreude als Gereiztheit und die Sehnsucht nach sofortiger Schubumkehr in Richtung des bunt verschachtelten und rätselhaften Stadtteppichs von Mexiko City, aus der Luft wie ein riesiger, gesprengter Zauberwürfel.
Wieso eigentlich? Waren wir nicht alle froh, dass es vorbei war? Dass wir die neunwöchige Marter überstanden hatten? Dass wir vermutlich nie wieder in dieser Form gegängelt werden würden? Dass wir uns nie wieder, es sei denn freiwillig, die Nächte mit Bikram um die Ohren schlagen müssten, um am nächsten Morgen um acht mit 300 Leuten in einem überheizten Yogaraum strammzustehen?
Wieso haben dann eigentlich so viele beim Abschied Tränen vergossen?
Acapulco finito
Die letzte Nacht im Hotelbett. Ein letztes Mal Yoga. Ein letztes Mal zischt die Diet Coke-Dose der Mitbewohnerin. Ein letztes Mal Limetten schneiden. Kofferpacken. Feuchte Badesachen in die Ritzen stopfen, und Loslassen. Der Blick vom sechsten Stock hinunter ins Atrium hat schon etwas Fremdes angenommen. Hunderte von Teilnehmern einer neuen Konferenz sind eingetroffen, und wie sich dazwischen die Bikram-Gruppe mit ihren Koffern und Taschen drängen, um nach und nach in den Flughafen-Shuttle zu steigen, erzeugt Melancholie; Umarmungen, Tränen, Glückwünsche und Erfolgswünsche tauchen die Erinnerung an Gewusel, Gequake und Gruppenphobie schon jetzt in weiches Licht. Beim Feiern zeigten sich die Leute – bei aller Überkompensation – erstmals in natürlichem Verhalten, statt im Zehenstand oder beim Stammeln von Dialog vor dem Tribunal, und manche waren plötzlich nochmal anders sympathisch. Dass selbst diejenigen, mit denen man neun Wochen lang kein Wort gewechselt hat, beim Endspurt plötzlich redselig werden, gehört wohl zu den Gesetzen der Gruppendynamik. Auch wenn man es manchmal aus dem Blick verlor: diese zermürbende wie erhebende Yoga-Erfahrung verbindet. Interessant wird es, wenn man den einen oder anderen irgendwann in irgendeinem Yogastudio als Lehrer wiedertrifft, oder in seinem eigenen begrüßt. Während manche in ihr altes Leben, in alte Jobs zurückfahren, haben andere Häuser verkauft, Jobs aufgeben und gehen jetzt auf Reisen, um irgendwo in der Welt zu unterrichten; auch das ermöglicht die Bikram-Community. Ein Londoner überlegt, das Yoga zurück nach Indien zu tragen und ein Studio in Goa zu eröffnen.
Wir haben fertig
Es wäre uncharakteristisch gewesen, wenn die Abschlussfeier keine Geduld erfordert hätte. Um 11 Uhr vormittags fanden sich alle in unterschiedlich gelungenem Zustand in demselben Vortragsaal ein, wo neun Wochen lang auf quietschenden Polsterstühlen gelitten, gelacht, gebangt, applaudiert und mit indischer Filmkunst zwangsernährt worden war. Nachdem endlich alle Reden geschwungen, alle Blumen überreicht und alle 300 Beteiligten in alphabetischer Reihenfolge aufgerufen und zu Urkundenannahme und Foto mit einem als Al Capone verkleideten Bikram über die Bühne geschleust worden waren, galt man gegen 15 Uhr als zertifiziert. Im Anschluss gab es das letzte Büffetlunch, und wie es die Floskel so will, wurde sich darauf gestürzt. Wer getrödelt hatte, musste vor leeren Trögen und Kuchenplatten auf Neubefüllung zur Grundlagensicherung warten. Was folgte, war die sturzbachartige Schaffung eines kollektiven Rauschzustands. Wer nicht schon am vorangegangenen Wochenende aufgestockt hatte, zog in zielsicheren Grüppchen zum Bierkauf zu Walmart. An allen verfügbaren Strand- und Hotelbars wurde in allen Formen und Farben Alkohol konsumiert. Auf allen Wegen und Pfaden liefen die neugeborenen Yogalehrer und -lehrerinnen dem Alkoholgenuss entgegen, als wenn es neun Wochen lang nicht einen einzigen Tropfen gegeben hätte. Was ja gesehen auch stimmt. Mehr oder weniger. Bei Sonnenuntergang wurde unter dem Vorwand der Marshmallowrösterei ein Lagerfeuer am Strand gebaut, aber in Wirklichkeit ging es darum, sich an der Bar mit alkoholischen Cocktails zu versorgen. Auch anderswo sprach man dem Feuerwasser zu; in Zimmer 501 des Hauptgebäudes wurde getankt und getanzt, Bier verschüttet und auf den Betten gelümmelt. Wüstes Tanzen ging im hoteleigenen Nachtklub weiter, bis der hoteleigene Nachtklub zwischen 3 und 4 Uhr die teils stark alkoholisierten Personen in die Lobby hinauf trieb und seine eisernen Tore schloss.
Wiedergeboren in Kalkutta
Die Zeit hat eine andere Dimension bekommen. Zehn Minuten sind plötzlich elastisch wie noch nie. Zehn Minuten und zwei Stunden bleiben noch bis zur feierlichen Überreichung des ZERTIFIKATS. Was diese neun Wochen eigentlich waren – dabei nachzudenken ist noch zu früh. Zumal sie noch nicht zuende sind. Vorläufige, unzertifizierte Theorien jedoch umfassen
Die Stahl-Theorie
Das Teacher Training als künstlicher Kriegszustand. Nach neun Wochen Kasernenton, Meldepflicht, Schlafentzug und Propagandabeschallung tauchen wir nach dem Bad im Stahlgewitter und der Abreibung mit dem Stahlschwamm als glänzende Sieger über innere und äußere Feinde hervor. Manche sagen auch: traumatisiert. Alles Widrige prallt fortan von uns ab; Gesundheit, Schönheit und Rolex-Uhren dagegen ziehen wir magnetisch an.
Die Halluzinogen-Theorie
Häufig wird das Teacher Training von Ex-Konsumenten wie Abstinenzlern als neunwöchiger Trip dargestellt. Das erscheint vernünftig. Würde jedenfalls die Dauereuphorie, das verzerrte Zeitgefühl, den fehlenden Hunger auf feste Nahrung, die bunten Filme, in denen Inder stundenlang OM SHANTI OM singen und Discobewegungen machen, und natürlich die rosa Truthähne erklären. Oder Flamingos? Vögel jedenfalls. Ganz viele Vögel. Und ich glaube, sie sind hinter mir her.
Die Truman Show-Theorie
Das Teacher Training als Aufenthalt im künstlichen Mikrokosmos unter einer Glaskugel. Als Mexikaner verkleidete Hotelangestellte bringen einem nach einem harten Tag mit dem Wägelchen das Essen aufs Zimmer bringen. Gegen Monopoly-Geld, versteht sich. Jeder Tag gleicht ein bisschen dem anderen. Es gibt jede Menge Applaus und Gejubel. Ständig hat jemand Geburtstag. Manchmal wird auch geweint. Am Schaltzentrum dieser kleinen, aber einzigen Welt sitzt eine 1,50 kleine, gottvaterähnliche Gestalt im weißen Nickianzug, die mit Vorliebe Flüche ausstößt und einen jederzeit vor die Tür setzen kann. Die kleine Gestalt verbreitet Angst und Schrecken, und spendet Hoffnung. Blasen enden meist damit, dass am die Luft raus ist. Aber das wiederum wollen wir nicht hoffen.
Hundert Jahre Yoga
Bikram liebt den Vergleich mit anderen Sportarten (von denen keine etwas taugt; allenfalls dazu, den Körper durch partielle Überbelastung zugrundezurichten): bei welchem Sport kann man 20 Sekunden den Ball übers Netz schlagen, um sich dann 20 Sekunden lang hinzulegen und zu entspannen? Und dann wieder 20 Sekunden lang den Ball übers Netz zu schlagen, um sich 20 Minuten zu entspannen?
Die Entspannung, das sogenannte Savasana, dient beim Yoga sowohl zur Erholung von der vorangehenden und zur Vorbereitung auf die kommende Herausforderung. Beim Teacher Training lernt man, Yoga als große Metapher auf das Leben selbst zu sehen: eine große Menge breitet, mal gezielt, mal nach dem Zufallsprinzip, in einem warmen Raum eine Matte aus und steckt damit sein kleines persönliches Gebiet ab. Ringsum finden sich Leute ein, die genau dasselbe tun: in großer Nähe zur selben Zeit die selben Übungen machen und dabei leiden und schwitzen, unterbrochen von dem ein der anderen kleinen Erfolgserlebnis. Alle machen ungefähr dasselbe; jeder vergießt aber seinen eigenen Schweiß und versucht so gut es geht, seine Nachbaren zu ertragen, zu mögen, oder irgendwie von ihnen zu profitieren. Es ist offensichtlich, aber darum nicht weniger wahr: Irgendwie so ist auch das wahre Leben.
Die letzte Metapher auf das Leben ging heute um neunzehn Uhr zuende. Bikram entließ uns aus unserer ultimativ letzten Yogaklasse mit seinem Superhit „I’m Feeling Lonely“, und die Gruppe entließ ihn schweißgebadet unterm Neonlicht mit stehendem Applaus, worauf sich an unmotivierte Silvesterfeiern erinnernde Umarmungen und Jubelrufe ausbreiteten.
Es ist überstanden; und vollkommen unwirklich, so plötzlich von der Leine gelassen zu sein. Was folgt, ist Verwirrung und ein vorsichtiges Herantasten an die wiedergewonnene und zugleich neue Freiheit. Es ist ja erst der Anfang.
Unser letzter Vortrag endete mit einer kollektiven zehnminütigen Atmung, bei der man irgendwann levitieren, oder wie die 150 Jahre alten Yogis ohen Essen und Trinken in einem Baum sitzen können soll. Auf jeden Fall ziemlich preisgünstig draufkommen kann. Und im Anschluss gab es, auch wenn es längst dunkel war im Palmengarten, eine Flasche rosa Moet et Chandon, der erste inoffizielle Alkohol seit neun Wochen, gestiftet von den Hamburger Mädchen, die morgen nach der offziellen Graduation schon ins Flugzeug steigen.
„Body should be flushed like toilet once a day from all the shit you put into it three or four times a day.“
Es ist fast vorbei. Entspannte Gesichter, Luftmatratzen im Swimmingpool. Die Mädchen bräunen sich für die Graduation am kommenden Freitag. Die verbleibenden sind fast an einer Hand abzuzählen, und bald blicken wir auf 97 Yogaklassen in neun Wochen zurück. Amazing.
Es gibt auch Trainingsopfer zu verzeichnen. Bleiche, verschnupfte Gestalten mit leerem Blick, die Ohren chronisch mit MP3-Playerhörern verstopft, die ihre Flüge umgebucht und nichts so dringend wollen wie nach Hause.
Die Strenge ist von den Bewachern/Lehrern abgefallen, und je näher das Ziel heranrückt, desto familiär scheint es zuzugehen. Alles fühlt sich plötzlich ganz anders an. Erstmals seit acht Wochen stellte sich ein Gefühl von Muße ein, so dass sich die Verfasserin unausgelastet aufs Bett fallen ließ, zur Zimmerdecke blickte und einen Fleck entdeckte. Es war streckenweise an diesem Samstag wenn nicht nichts, doch immerhin nicht unbedingt etwas zu tun. Verwirrend.
Natürlich kann man sich ab jetzt immer mit dem Dialog beschäftigen; ja, mit dem Diaog kann man sich ab sofort immer beschäftigen, bis der Sargdeckel zuklappt. Aber das sahen wohl heute die wenigsten.
Am Donnerstag sollte es nach dem Yoga Kokusnüsse für alle geben, gestiftet vom Hotel. Entsprechend erhoben die Leute Anspruch auf die Kokusnuss und versammelten sich im Abendlicht am Strand. Die Kokusnussbringanlage war jedoch defekt, und wegen ungeklärter logistischer Fragen erreichte nicht jeden eine Nuss. Doch die noble Geste zählt. Am Freitag dafür Pizza für alle. Mit allem. Es war nachgerade unheimlich. Die anschließende, traditionelle und verblüffend professionell aufgezogene „Talentshow“ war zwar mit Meldepflicht verbunden und erreichte Bollywoodlänge, hatte aber eine Bollywood-Tanzeinlage zu bieten, schiefe und gerade Lieder, und noch mehr schiefe und gerade Lieder. Es wurde so getanzt, anders getanzt, und in einem Überbrückungssketch selbstironisch über die orangefarbenen Eimer gelacht. Ja, humorvoll ging es zu, und natürlich laut und ausgelassen und mit Jubelrufen. Erstaunlich, wie viele Konzertpianisten, Unterhaltungspianisten, Alleinunterhalter und Künstler im Allgemeinen unter uns sind. Abgesehen von den vielen Masseuren, Barkeepern, Ex-Junkies, Friseuren, Astronauten und Blondinen. Als wenn uns das noch gar nicht aufgefallen wäre. Amazing.
Wieder einmal nicht funktionierende Magnetkartenschlüssel stellten sich als Prüfung der Woche heraus. Wir möchten den guten alten Schlüssel zurück, den mit dem Bart.
Die Freude darüber, dass es bald vorbei ist, beschränkt sich an dieser Stelle unter anderem darauf, vor allem folgendes nicht mehr tagtäglich in unmittelbarer Gestalt und Nähe erdulden zu müssen:
Orangefarbene Eimer
Dialoggebrabbel aus allen Ecken
Leute unterwegs mit Kopfkissen unter dem Arm
Kollektives Applaudieren wegen allem und nichts
Kollektives Happy Birthday-Singenmüssen
Hässliche Kappen, hässliche Tassen
Klimaanlage
Das Wort „brainfart“. Inflationärer Begriff hauptsächlich zur Beschreibung eines kurzen, wohl blähungsartig auftretenden Denkausfalls beim Aufsagen des Dialogs in der posture clinic.
P.S. Kommt ein Yogi in eine Pizzeria. „Was darf’s sein?“ – „Eine Pizza mit allem, bitte.“
When you laugh, it’s true. When you cry, you understand.
Aus dem neunwöchigen Trainingskorsett quillt gelegentlich ein wenig Zeit heraus, die auf keinen Fall durch eine entspannte Mahlzeit, Schlaf oder gar Muße ausgefüllt werden darf! Vielmehr durch weitere, vor den Augen verschwimmende Bollywoodfilme mit Anwesenheitspflicht. Die Filmlänge dieser Produktionen entspricht bekanntlich nicht den westlichen Konventionen. Wenn nach gut zwei Stunden das Wort „Intermission“ auf der Leinwand erscheint, hat man einen ungefähren Begriff davon, wie lange die Zwangsunterhaltung noch andauern wird. Vorausgesetzt, Bikram hängt nicht noch, wie zuletzt geschehen, einen halbstündigen Sermon hinten dran. Alle Vorträge scheinen übrigens auf ganz natürliche Weise unter der rhetorischen Feststellung „What is God, what is Spiritualism“ zu laufen. Wieder einmal war zu erfahren, dass es wahrhaftig nicht mehr ums Zuhören ging — selbst die Strebsamsten sind um zwei Uhr morgens über diese Fertigkeit hinaus –, sondern um das nackte Erdulden. Und wieder haben wir einen neuen Meilenstein der Erkenntnis erreicht: Es gibt Dinge, die kann man nicht ändern. Wenn die Sache mit Jodhaa und Akbar vier Stunden braucht, dann braucht die Sache mit Jodhaa und Akbar eben vier Stunden.
Dass sich auch westliches Lehrpersonal auf indisches Zeitgefühl umstellen kann, stellte diese Woche Joel aus Philadelphia unter Beweis, einer der dienstältesten Yogalehrer, der in den Sechzigern spirituell wurde und Schriftzüge wie „Hare Krishna“ auf dem T-Shirt trägt. Eines Nachmittags putschte er den ganzen Saal zu einer Endlosschleife In-die-Hände-Klatschens-und-Hare-Krishna-Hare-Rama-Aufsagens auf. In ihrem Furor sprangen Dutzende von Yogis auf die Bühne und tanzten Polka. Dies wurde von Lieselotte mit ihrer Fotokamera live mitgeschnitten, und beim späteren Sichten des Filmmaterials kamen wir überein, dass uns diese Szenen, sollten sie jemals an die Öffentlichkeit gelangen, endgültig diskreditieren würden.
Flora, die zwergenwüchsige Massagefrau mit Silbergebiss und improvisierter Werkbank neben umgekipten Eimern am Strand, zieht von einem Hotelgast zum nächsten und singt wie ein Vogel: „Massage? Massage?“ Auch Bikram versteht sich als Barde. Sein Gesicht ziert mehrere CDs. Nach seinen Klassen verweilen wir auf unseren Mattern, um uns mit einem weiteren der offenkundig selbstkomponierten Stücke lautstark beschallen zu lassen. Bikrams mit synthetischen Klängen unterlegte Lieder enthalten die zyklisch wiederkehrenden Vokabeln „Love“, „Ocean“ und „Moon“, und zerfasern am Ende träumerisch im Nichts. Aus Pietätsgründen darf vorher der Yogaraum nicht verlassen werden. Der Verfasser zeigt sich selbst immer wieder begeistert von der musikalischen Qualität sowie der Komplexität der Rhythmen. Über diese Narretei zu lachen, sollte jedoch vermieden werden.
Kniefrakturen heilen wie durch Zauberhand. Heulkrämpfe spülen Kindheitstraumata an die Oberfläche und legen Chakren frei. Noch am Ende der siebsten Woche liefen Dutzende aus Bikrams Yogaklasse, um sich in die blauen Eimer zu übergeben und sich mit bunten Elektrolyt-Getränken versorgen zu lassen. Das Allerwundersamste aber trug sich Mitte dieser Woche zu. Niemand hätte mehr damit gerechnet. Am Mittwochmorgen, beim Hinaustreten aus der Yogahalle, klatschte er in dicken Tropfen aus einem verhangenen Himmel zu Boden. Die Palmen, die gelben Plastikblumen, die lilafarbenen Blüten jubilierten und sangen Raindrops Keep Falling On My Head. Sogleich verbreitete sich das Gerücht, dass es die ganze Woche regnen werde. Feucht der Sand, öd und leer das Meer. Aber die eigens durch die marmorne Lobby ausgelegten, rutschfesten Teppichläufer waren am nächsten Tag schon wieder verschwunden, und der Himmel leuchtete wie eh und je.
Unterwegs nach Acapulco liegt am Straßenrand ein brauner Hundekadaver. Bei den Klippenspringern vor dem legendären Hotel „La Perla“ aber wimmelt es von Leben. Ringsum den Parkplatz drängen sich Touristenbusse und die allgegenwärtigen weißblauen VW-Käfer-Taxis. Verzerrte Musik schallt aus einem der angrenzenden Etablissements. Bunte Leuchtbänder zieren die Bäume, und an kleinen Klapptischen werden leuchtende Kugelfische aus Gummi verkauft. Das stündliche Spektakel ist schnell vorbei; erst klettern die Männer, darunter einige sichtlich unter achtzehn, hinauf oder von oben herunter auf die verschiedenen Startblocks im Felsen, ein bisschen Armwedeln, ein bisschen in die Menge winken, ein bisschen Herumstehen, und hü-hüpf, schon sind alle Klippenspringer sehr beeindruckend in die Wellen gesprungen, und zum Fotoshooting und Klingelbeutelaufhalten zurück auf der Aussichtsplattform. Man muss sagen, es hat was. Von Mutprobe im Freibad, gepaart mit Straßenprostitution.
Die Stadt Acapulco hat ein rudimentäres altes Zentrum, zersetzt von chaotischem Verkehr, amerikansichen Fastfoodketten, wuchtigen Schaumparty-Strandbars, Nachtklubs und einer Unzahl Märkten. Eine weiß verschnörkelte Pferdekutsche lädt zu einer romantischen Fahrt durch die Straßen und Gassen ein. Das Pferd trägt einen lila Luftballon auf dem Kopf.