no touchy-touchy!
Die Gewöhnung an das neue Zuhause ist schon so weit gedrungen, dass die Wochenendgäste wie Eindringlinge erscheinen: Bäuchige Männer in knielangen Hosen, und Frauen auf Stilettos unterwegs zu den Sanitäranlagen. Kaum zu glauben, dass es Leute gibt, die hier nichts Besseres zu tun haben als die Fahrstühle zu verstopfen, mittags den ersten Tequilacocktail am Pool zu kippen und später zur Abwechslung ein bisschen im Meer herumzustehen. Unter der Woche dagegen haben wir das Hotel für uns. Direkt nach der Morgenklasse laufen wir an den Strand, die Matten im Schlepptau, und kämpfen mit den Wellen um unsere Yogaklamotten. Zwischen Hotelanlage und Strand ist eine kleine Oase mit Liegestühlen und Ozeanblick, eine Grünzone zwischen Swimmingpoolgewusel und dem heißen diesigen Strand mit seinen unaufhörlichen Tücher-, Fahrzeug und Essensangeboten. Hier liegt man unter Palmen im Schatten und kann hinter der Sonnenbrille beobachten, wer wie lernt — einzeln, mit Software, in Gruppen, im Bikini, mit Silikon oder ohne – und wer mit wem anbändelt.
Während Bikram den Trainees bei einer seiner ersten Predigten zur Stärkung der Moral „no touchy-touchy, no kissy-kissy, no feely-feely, no f***y-f***y“ ans Herz gelegt hatte, macht sich die Entbehrung immer deutlicher in Form von Ersatzhandlungen bemerkbar. Dass es sich hier um 300, im normalen Leben mit Partnern und Familien ausgestattete Individuen handelt, fällt mehr oder minder flach. Das Leben ist jetzt und hier. Und hier werden Nackenzonen massiert, Liegestühle geteilt und Frisbees ausgetauscht. Und die von Emmy im Anschluss an die Yogaklasse empfohlene Beckenbodenstärkung durch Muskelkontraktionen macht die Sache nicht besser.
“from inside out, bones to the skin, with your smiling, happy face”
Nach zweiwöchigem Marsch durch die Anatomie des „Dr. T“ sind wir jetzt in die sogenannten posture clinics vorgerückt, und wieder manifesiert sich die psychologische und logistische Ausgeklügeltheit dieses Trainings. Unser Geld landet nicht nur in Brecheimern und Uhren mit Sekundenzeigern, sondern in mathematischer Kombinationsarbeit. Wie schwer wie vielen Leuten das Aufstehen und animierende Aufsagen des Dialogs fällt, kann über die nächsten Wochen hinweg in 16 Gruppen à zwanzig Leuten, von denen immer zwei verschiedene Gruppen im zweifachen Rotationssystem aufeinandertreffen, in eigens angemieteten Suites des Hotels mit allzu fernem Meerblick beobachtet werden. Wieder ist alles und jede Möglichkeit vertreten: der New Yorker Feuerwehrmann, der 9/11 live erlebt hat, aber keine einzige Zeile des Adlers vernünftig herausbringt. Die schweizer Schönheit, die sich charmant und völlig vergebens aus dem Lernen herauszuwinden versucht. Amerikanische Sportmädchen mit Dialogen, die so vollendet sind wie ihre Oberschenkel. Jeweils drei aus der Gruppe treten als „Schüler“ auf, und einige hat man immerhin schon so liebgewonnen, dass man sie nicht unter Stammeln und Stottern quälend lang auf den Zehenspitzen verharren lassen möchte. Jeder Auftritt wird von immer anderen Lehrern und Hilfslehrern bewertet, kommentiert und notiert, und die Summe entscheidet am Ende, ob man würdig ist, sein Zertifikat zu erhalten. Die gute Nachricht: 99% kommen durch. Die schlechte: fast jeden Tag mündliche Prüfung. Selbst Prüfungsfanatiker kommen da ins Schleudern. Was das heißt? Noch mehr schwitzen. Und noch weniger schlafen. Nachts sieht man in allen Winkeln des Hotels kleine Lerngrüppchen in seltsamen Verrenkungen, und von irgendwo schreit jemand: „KICK YOUR LEG UP!“.
O Du Oberschenkelmuskel
Du fremder schöner Quadrizeps: erhaben und verwegen
Wirfst Du Dich auf und meinem sehnsuchtsvollen Blick entgegen.
Betörend ist Dein Muskelspiel. Spiel mit und kontrahier,
Du quälend schöner Quadrizeps, beweg Dich! Her zu mir!
it’s absolutely amazing!
Es werden keine Mühen gescheut, die Trainees auf ihre neue Aufgabe vorzubereiten - dazu wird gehören, vor einer größeren Menge frei zu sprechen. Konstruktives Sprechtraining zu diesem Zweck hätte eigentlich nicht schaden können. Dass die entsprechende Unterweisung bei Dr. Lillian Glass eher die Geister zu scheiden als die versammelte Mannschaft ratzfatz zu perfekten Sprechern zu formen wusste, war das Ergebnis eines kurzweiligen und furchterregenden Veranstaltungsnachmittags.
Sie soll zwei Doktortitel besitzen, Psychologin/Kommunikationsexpertin und Autorin diverser Bestseller sein. Üblicherweise beläuft sich ihr Stundenlohn auf 200 Dollar. Wir bekamen sie „umsonst“: eine blondierte Frau im besten Alter mit ausgeprägtem Oberbau und Fransenponcho, die anfangs mit unterdrückter Verzweiflung an ihrer am Rücken befestigten, offenbar problematischen Mikrofonanlage veitstanzartig hantierte und dadurch vorab ein wenig an Glaubwürdigkeit einbüßte. Das machte sie durch ihr professionelles Organ mehr als wett, das durch den Saal dröhnte wie ein klemmendes Bootshorn.
Da die unter „Body-Makeover“ laufende, sprechtherapeutische Blitzheilungs-Show auch noch gefilmt wurde (von welcher Instanz, wurde uns verheimlicht), fühlte man sich in eine amerikanische Fernsehshow katapuliert. Wir wurden laut aufgefordert, auf die Bühne zu treten, um uns in Sachen Körpersprache, Stimme und Auftreten innerhalb von rund einer Minute nicht etwa (wie sie betonte) demütigen, sondern generalüberholen zu lassen.
Und so geschah das Wunder von Acapulco. Die Veranstaltung schaukelte sich im Verlauf des Nachmittags in so hysterische Höhen, dass immer mehr Yogis von beiden Seiten auf die Bühne stürmten, um sich visionäre Ratschläge wie „Zähne beim Spechen mehr auseinander!“, „Arme nicht vor der Brust verschränken!“, „nicht beim Reden am Leibchen zupfen!“ abzuholen und sich unter dröhnenden Jubelrufen („ISN’T IT AMAZING!“, „HE’S A COMPLETELY NEW PERSON!“, „IT’S A MIRACLE“) und donnerndem Applaus in ihr neues Leben entlassen zu lassen.
“more you eat, more you fat, more you lethargy, more you die soon“
Dauernd wird gepredigt, dass wir eine Familie seien. Und die kann man sich bekanntlich nicht aussuchen. Von meinen rund 300 neuen Geschwistern hätte ich mir bestimmt nicht mit jedem gern das Badewasser geteilt. Nicht mal mit den knackigen, und gut entwickelte Oberschenkelmuskeln sind hier ein verbreitetes Merkmal. Wohin das Auge blickt, fast überall blickt es auf feste, muskulöse, wunderbar geformte Oberschenkel. Sie gehören blondierten Maklerinnen aus Texas, Army-Piloten aus dem mittleren Westen, Masseuren, Anwältinnen und Tänzerinnen, Schauspielern, Fernsehproduzentinnen und Computerfachbuchautoren aus aller Welt – die alle irgendwie ihr Leben ändern und Yogalehrer werden wollen. Manche sind nett. Manche sind offenbar verrückt, wie die kleine, nicht mehr ganz junge Französin in ihrem „Univ. of Pink“-T-shirt. Manche sind perfekt. Manche haben Makel. Lola ist ein Hammer, hat aber wenig Haare. Jesus treibt weiterhin sein Unwesen und bietet nun auch uns Massagen an; allerdings für 75 Dollar pro Sitzung. Für die Hotelangestellten mögen wir eine Unmenge Leute in Flipflops sind, die ständig mit Yogamatten unter dem Arm zu allen Tageszeiten wie aufgescheucht durch die Lobby hetzten. Tatsächlich sind wir alle sehr unterschiedlich. Nur in einem sind wir uns einig. Das Yoga.
Das Yoga ist anders als im Studio zu Hause. Heißer. Härter. Und vor allem: öfter.
Viel, viel öfter.
Kaum ist die 8 Uhr 30-Morgenklasse vorbei, kaum ist man ins Meer gesprungen, kaum ist man ins Zimmer zurück, hat geduscht, ist nach unten gefahren, hat sich die Plauze am Büffet vollgeschlagen und einen Nachmittag mit „Lernveranstaltungen“ zum Thema Knochen und Muskeln überstanden, heißt es wieder rauf ins Zimmer, umziehen, Yogamatte unter den Arm und ab in die Hitze.
Jede der Abendklassen unterrichtete bislang der Meister selbst. Und das ist kein Spaziergang. Man kommt in den Vorraum, schreibt sich in die Anwesenheitsliste ein, wirft einen Blick in den riesigen, zu drei Seiten verspiegelten Yogaraum und lotet hastig aus. Wo lege ich mich hin? Unter den Heizer und rechts neben den Franzosen? Nicht in die Nähe von Miss Texas. Möglichst unter einen der Deckenventilatoren. Aber nicht gerade hinter den Mann, dessen hornhautverkrustete Füße man dann vor der Nase hat. Und auf gar keinen Fall in Bikrams Sichtachse. Aber auch nicht gerade direkt hinter die Säule. Würde sowieso nichts nützen. Bikram behauptet, durch den Himalaya und bis in die Mongolei sehen zu können. Was ist da schon eine Säule.
Nicht jede Stunde ist gleich heiß und gleich lang, aber fast alle sind länger, oder fühlen sich länger an, als die gewohnten 90 Minuten. Nachdem Bikrams sanfte Frau Rajashree eine Woche lang morgens unterrichtet hat, wurde in der zweiten Woche die Morgenklasse von Emmy übernommen. Der Meister kündigte sie spaßeshalber, als „Ozean, Tsunami, Orkan, Katrina“ an – aber seine Bewunderung ist aufrichtig. Emmy stammt ursprünglich aus Lettland, ist über 80 und ein wandelnder Jungbrunnen. Ihr Unterrichtsstil zeichnet sich durch einen alteuropäischen Restakzent, einen wegwerfenden Tonfall, und dialogabweichende, bilderreiche Zwischenerklärungen aus. „Tighten the chain on the monkey – don’t let it jump around“. Der Körper als ein vom Geist zu bändigender Affe.
Zwei Wochen lang zweimal am Tag Yoga – und das Leiden ist groß. Immer wieder Zusammenbrüche und Heulanfälle. Immerhin klappen nicht mehr so viele beim Yoga zusammen wie in den ersten Tagen, niemand muss sich mehr in die bereitstehenden blauen Eimer übergeben. Allmählich scheinen sich die Körper an die Anstrengung zu gewöhnen. Was nicht heißen soll, dass einem nicht trotzdem alles wehtut. Und was lehrt uns das rigorose Programm? BLOSS nicht – BLOSS NICHT – an die unzähligen Klassen zu denken, die uns noch bevorstehen.
Immerhin nimmt jede Yogaklasse ein Ende. Unweigerlich. Wenn der Spinal Twist vorbei ist, kommt die Atemübung, dann die Entspannung, dann kann man, Ruhe und Bedächtigkeit vorschützend, nach draußen fliehen.
Dasselbe gilt nicht für Bikrams „Vorlesungen“, in deren Genuss wir bislang jeden Abend ab 21 Uhr gekommen sind. Der Fluchtweg ist versperrt. Teilnahme ist Pflicht und wird streng überwacht. Die undurchschaubaren Bikram-Helfer blicken grimmig. Es sind überwiegend junge Menschen ohne Fett und mit vereinzelten Tätowierungen, die den Laden schmeißen und sichtlich Privilegien genießen, die sie allerdings auch eine Kleinigkeit kostet. Sie dürfen ihm sein Handtuch über den dicken weißen Sessel breiten, aber dafür müssen sie herhalten, wenn er aus heiterem Himmel seine Beschwerden hinaustromptet. Einmal drängte es ihn nach einem größeren Glas Milch; tags darauf folgte ein Wutanfall zum Thema fehlende Sekundenzeiger an der Uhr im Yogaraum. Gestern peitschte er sich selbst in Rage über das Hotelessen, das allenfalls dem armseligen amerikanischen und europäischen Gaumen zuliefere, was er mit lauten Schnarchgeräuschen in sein Mikrofon untermalte.
Und der Märchenonkel erzählt. Er ist rührend. Er ist weise. Er ist komisch. Er erzählt über Indien. Über Yoga. Über das richtige Leben. Über das falsche Leben. Über die spirituelle Verbindung mit seinem Guru, und warum er nur in einem schwarzen Badehöschen unterrichtet. Er erzählt Witze. Er redet und redet. Und redet. Und redet. Er sitzt auf der Bühne in seinem weißen Sessel. Er ist hell erleuchtet von den Bühnenlichtern. Eine schlanke Fee mit Blume im Haar bringt ihm in einer orangefarbenen Tasse seinen Ingwertee. Er trägt ein Headset und einen schwarzen Nicki-Strampler. Er sitzt mal so herum, dann wieder so, nach jeder Pointe klatscht er in die Hände, zieht die Nase hoch, und setzt sich wieder um. Eine Rede wie eine endlose, knisternde Rolle Alufolie.
Im Gegensatz zu dreihundert ausgelaugten Yogis dreht Bikram, der über sechzig ist und behauptet, niemals mehr als zwei Stunden zu schlafen und am Tag nur ein halbes Sandwich zu essen, nach ein Uhr morgens erst richtig auf. Aber der Meister ist gnädig. Irgendwann werden wir – erschöpft, übermüdet, mit schmerzenden Gliedern – aus dem klimatisierten Saal in die tropische Nacht entlassen. Wir brauchen dringend unseren Schlaf. Wir schlafen wie die Steine. Im Traum verfolgt uns sein verächtliches Schauben.
Jesus ist unter uns
Um es gleich vorweg zu sagen: was die äußeren Umstände betrifft, haben wir es gut hier. Und was das Wetter betrifft: Es ist einfach immer schön, und immer warm. Keine Diskussion.
Gelegentlich spaziert ein Pfau durch die offene Lobby. In der Mitte des Aztekentempels plätschern Brunnen mit hellblauen Mosaiken, wedeln Palmen und spazieren Gäste kreuz und quer über die Ethno-Bodenintarsien. Dank der Durchzugsarchitektur bläst hier immer ein kräftiger Wind, der den Frauen die Röcke hochweht und nach gut haftenden Toupets verlangt. Zum Meer hin schlängeln sich palmengesäumte Wege durch die künstliche Paradieslandschaft. In diversen türkisblauen Becken schwimmen Leute. Die Schwäne, darunter, eine Spur überperfektionistisch, sogar ein schwarzer, haben eigene Becken. Auf den Steinen und Inselchen stehen wie angekündigt die rosa Flamingos und schlafen. Wessen Geschmack das Hotel vor allem zuliefert, beweist das Gehege mit den beiden Golden Retrievern „Kimi“ und „Chunky“, vor dem sich ständig junge Amerikanerinnen hinknien, um säuselnd mit den Tieren Kontakt aufzunehmen. Ich glaube, die Hotelangestellten schließen untereinander Wetten ab bei jedem weiblichen Gast, der an dem Gehege vorbeigeht. Wird sie, oder wird sie nicht? Heute wurden die Hunde von zwei Hotelangestellten gestaubsaugt.
Es sind respekteinflößende Brecher. Vor dem Schwimmen im Meer wird gewarnt. Klar, dass man hier nicht von David Hasselhoff und Pamela Anderson aus dem Wasser gefischt wird, aber ob man mit dem „Bademeister“ mehr Glück hätte, der in seinem Turm sitzt und sich hin und wieder ein Fernglas vors Gesicht hält, ist fraglich. Der Sand ist seidig, die Muscheln sind rosa, und von freischaffenden Händlern feilgeboten werden Tierstatuen, vierrädrige motorisierte Gefährte, Ritte auf Kleppern, blutwurstähnliche Süßigkeiten in Zellophan, bunte Tücher und Kleider, und Massagen.
Unser tägliches Brunch-Büffet bietet alles: Bohnenpaste und Guacamole, Croissants und Zuckerschnecken und Bagels, Pancakes mit Ahornsirup, Eier in allen Formen und einer Farbe, Speck, Würstchen, Huhn, Reis, Gemüse, Salat, Mangos und Papayas – und da uns ununterbrochen gepredigt wird, dass man wegen der körperlichen Beanspruchung UNBEDINGT ESSEN müsse, war zumindest meine Plauze jeden Mittag zum Bersten voll. Viele hatten in der ersten Woche Probleme mit Verdauung und Nahrungsaufnahme, und ein Großteil der Predigten (die ununterbrochen erfolgen und sich nur qualitativ zu verändern versprechen) drehten sich vor allem um Durchfall und Verstopfung.
Auch Bikram predigt viel, und man kann sagen: er wiederholt sich. „Great things come in small packages“ gehört zu seinen Lieblingssprüchen, was sich nicht nur auf Kürze und Effektivität der Yogaübungen bezieht, sondern vor allem auf seine geschätzten 155 Zentimeter Körpergröße.
Der Meister präsentierte sich zum Begrüßungsvortrag im weißen Zuhälteroutfit und stellte seinen originellen Kleidergeschmack unter Beweis, indem er anlässlich unseres ersten Posture clinic-Marathons (280 Leute sagen vor Bikram auf einer Bühne mit Mikrophon die erste Übung auf, den halben Mond; er kommentiert und korrigiert) abwechselnd im Bengalischem-Tigerhemd, Discoanzug und weißem Nicki-Strampler auftrat.
Zum Yoga erscheint er indessen traditionell im knappen Speedo-Höschen. Die ersten paar Tage versprühte er weitgehend gute Laune. Sein Unterrichtsstil — „Miss Blue, get your fucking leg UP!“ – „Mr. Orange Pants, you are LAZY ASS, you hear me?!“ – ist wohl für alle ein bisschen gruselig; ich war zum Glück in der ersten Stunde so sehr damit beschäftigt, weder umzukippen noch mich zu überzugeben, dass ich andere Sorgen hatte.
Und so lief unsere erste Woche ab: Yoga – Posture Clinic/Predigten – Yoga – Predigten/Posture Clinic.
Die anfängliche, überraschende Gewogenheit verstand der Meister durch extreme Ausfälle wettzumachen. Dass ihn eine Hassliebe mit der westlichen Zivilisation verbindet, ist unschwer auszumachen; dass er sich aber Einzelne willkürklich aus der Menge herauspickt, um das zu demonstrieren, ist grässlich. Alles, was phänotypisch auf irgendeinen seiner Meinung nach krankhaften Auswuchs moderner westlicher Kultur hindeutet (sagen wir, kurzhaarige Frauen), verdient einen Wutanfall, der sich etwa so äußert.
Er: „Your dialog ist okay, but why you have that short hair?“
Sie (kleinlaut): „ … because I like it?“
Er (imitiert höhnisch mit nasaler Stimme): „BECAUSE I LIKE IT. You are an IDIOT! A stupid f**k!“
Die blonden Texanerinnen müssen sich nur auf die Bühne stellen, und wenn sie nicht total versagen, heißt es: „Good. I like the hair“.
Zugleich zeigt er sich rührend und aufrichtig geduldig mit solchen, die vor Lampenfieber kein Wort herausbringen und liefert mitunter erstaunliche Korrekturen ab hinsichtlicher der (Selbst)-darstellung mancher Mitstreiter. Hin und wieder wirkt er ein kleines Wunder. Eine Frau, die am ganzen Leib zitterte und nicht mal ihren eigenen Namen herausbrachte, nahm er über die Schulter und galoppierte mit ihr vor der Bühne hin und her. Dann sagte er: „No go and do your job.“ Und so geschah es.
Bikram ist zum Schreien komisch, ein geborener Komödiant. Er ist ein geborener Redner, offensichtlich ein genialer Geschäftsmann, er spricht sogar Japanisch (und liebt Asiaten bedingungslos) – und gleichzeitig ein launisches, größenwahnsinniges Riesenbaby in einem dicken weißen Sessel, das genau weiß: er kann schreien und bockig sein und seine Rassel in die Ecke feuern, und alle rennen los, um sie aufzuheben.
Der klassische Tyrann.
Allein schon statistisch musste sich aus unserer Trainee-Gruppe jemand finden, der das gewagte Unterfangen in Angriff nimmt, nach dem Zentrum der Macht zu streben. Ein Mitstreiter, den wir aus naheliegenden Gründen „Jesus“ getauft haben, machte sich während Bikrams erstem Wutanfall mit der Offerte einer Fußmassage an den Meister heran – ein Aktion, die Bikram zu gefallen schien, die innerhalb der Gruppe nicht nur Sympathien weckte.
Tierwelt
Bei unserer nächtlichen Parforce-Fahrt mit dem Taxi über die mehrspurige Autopiste zum Zwischenhotel schlingerte der Wagen heftig, um einem weißen Pudel das Leben zu retten. Am nächsten Mittag aßen wir Chihuahua-Käse.
Streunende Hunde gehören auch hier zum Straßenbild. Streunende Hunde sind eines der Dinge, da blutet mir das Herz. Vielleicht lasse ich das lieber mit dem Teacher Training und kümmere mich statt dessen um die streunenden Hunde Acapulcos. Der nächste wurde tags darauf bei den Einkaufswagen vor dem WalMart gesichtet. Dass Straßenhunde manchmal die Intelligenz besitzen, gelegentlich unbeschadet Autopisten zu überqueren, ist ein zweischneidiger Trost.
Genausowenig wie der Kommerz macht die moderne Technik vor der Vogelwelt Acapulcos Halt. Am ersten Morgen schreckte ich aus dem Schlaf nicht etwa vom Jetlag, sondern vom Lärm wie Samstagnachmittag im Mediamarkt. Der Autoalarmanlagen-Vogel. Der „Irgendwer ist hier nicht angeschnallt“-Vogel. Der „Hardwareproblem“-Vogel. Der Klingelton-Vogel. Der „Techno“-Vogel. Der „Hund kratzt sich hinterm Halsband“-Vogel. Vielleicht hat sich aber auch nur irgendwo ein Hund hinterm Halsband gekratzt.
Mein umstellbarer Reisefön ist gleich bei der ersten Benutzung durch meine Mitstreiterin Lieselotte (Name von der Redaktion geändert) durchgeschmort. Ähnlich fahren wir fort mit unserer Anpassung an die örtlichen Gegebenheiten. Adapter rauf, Stecker rein, „läuft“.
Wer sich je gefragt hat, was die Leute eigentlich gemacht haben, die ein Pflaster über der Nase tragen: wahrscheinlich sind sie beim Tauchen im Swimmingpool mit der Nase gegen den Boden des Beckens geschrammt, wie ein Frollein heute um 6 Uhr früh.
Ich hatt einen Kameraden
Es war in der vierten Klasse. Er spielte gern auf Hausdächern. Er soll Pilot bei der Lufthansa geworden sein. Logisch, dass er von Frankfurt nach Mexico City im Cockpit sitzen würde. Das wäre gewesen wie der millionste Besucher bei Knut sein. Auf meinem Platz in der letzten Reihe, am Gang, neben der Rutsche, dazwischen ein aus allen Nähten platzender Jumbo, wurde ich enttäuscht. Aber dann hätte man diese Knut-CD.
Wie vorauszusehen, verirre ich mich am Flughafen von Mexiko City. Was fehlt, sind zum Beispiel Uhren. Verklebt und übermüdet treffe ich auf meine verklebten und übermüdeten, über Heathrow angereisten Hamburger Mitstreiter zum Weiterflug nach Acapulco. Was fehlt, sind zum Beispiel deren Koffer.
Bikram Yoga ist “in”!
Mit dem Yoga ist es, zugegeben, so eine Sache.
In der westlichen Welt hatte Yoga bislang ein eher spezialisiertes, oder sagen wir, wenig massenkompatibles Image. Viele Vorurteile umranken hierzulande dieses seltsame Gliederverrenken — und fast alle sind absolut begründet:
Yoga kann man auch ohne Ironie betreiben. Stimmt!
Yoga geht “tiefer” als Apnoetauchen. Stimmt!
Yoga ist internationaler als Voodoo, aber weniger einträglich als Warentermingeschäfte. Stimmt!
“Flachbildschirm”, “Fettleibigkeit”, “Selbstmordattentat” und “Geländewagenratenabbezahlen” haben viel mehr Silben. Stimmt!
Irgendwo angesiedelt im Bermuda-Dreieck zwischen Räucherkerzen, Kamasutra und Volkshochschule, gilt Yoga als Strumpfhosensport und para-religiöses Auffangbecken für Irrläufer und Geknechtete: Mystiker, Hausfrauen und infarktgefährdete Manager. “Nein danke” gehört wohl noch zu den höflicheren Absagen, mit dem alle übrigen das Yoga in der Versenkung ihrer Lebensgestaltungsmöglichkeiten verschwinden ließen.
Ganz so höflich war ich nicht, in meiner Vor-Yoga-Zeit.
Dass Yoga zur Umkehr aufruft, liegt ein wenig in der Natur der Sache. Yoga ist jahrtausende Jahre alt, und Yoga leuchtet ein. Yoga arbeitet mit einfachsten und intelligentesten Prinzipien. Dehnen und Strecken, Vorwärtsbeugen und Rückwärtsbeugen. Yoga ist anstrengend. Man muss auch nicht ununterbrochen dabei lachen. Trotzdem macht Yoga glücklich. Und süchtig. Aber glücklich-süchtig. Ganz komisch. Hätte ich auch nicht gedacht.
Bikram Yoga, das sind 26 Übungen in einem knallheißen Raum vor einem großen Spiegel. Katholische Liturgie, Fenster-auf in Kalkutta, und ein bisschen Discokugel. Bikram Yoga ist toll! Auf diese einfache und präzise Formel bringt es meine Yogalehrerin in Berlin. Und das liegt nicht nur an den knappen Outfits und den sportlichen klatschnassen Körpern. Die gibt’s beim Tauchen schließlich auch. Aber Bikram Yoga Studios gibt’s auf der ganzen Welt, von Hong Kong bis Helsinki. Tendenz steigend.
Kürzlich soll eine große deutsche Bouldevardzeitung gemeldet haben, dass Bikram Yoga “in” sei! Lüge? Klischee? Verleumdung? Heiße Luft? Oder sollte da doch ausnahmsweise mal was dran sein?
