„Body should be flushed like toilet once a day from all the shit you put into it three or four times a day.“
Es ist fast vorbei. Entspannte Gesichter, Luftmatratzen im Swimmingpool. Die Mädchen bräunen sich für die Graduation am kommenden Freitag. Die verbleibenden sind fast an einer Hand abzuzählen, und bald blicken wir auf 97 Yogaklassen in neun Wochen zurück. Amazing.
Es gibt auch Trainingsopfer zu verzeichnen. Bleiche, verschnupfte Gestalten mit leerem Blick, die Ohren chronisch mit MP3-Playerhörern verstopft, die ihre Flüge umgebucht und nichts so dringend wollen wie nach Hause.
Die Strenge ist von den Bewachern/Lehrern abgefallen, und je näher das Ziel heranrückt, desto familiär scheint es zuzugehen. Alles fühlt sich plötzlich ganz anders an. Erstmals seit acht Wochen stellte sich ein Gefühl von Muße ein, so dass sich die Verfasserin unausgelastet aufs Bett fallen ließ, zur Zimmerdecke blickte und einen Fleck entdeckte. Es war streckenweise an diesem Samstag wenn nicht nichts, doch immerhin nicht unbedingt etwas zu tun. Verwirrend.
Natürlich kann man sich ab jetzt immer mit dem Dialog beschäftigen; ja, mit dem Diaog kann man sich ab sofort immer beschäftigen, bis der Sargdeckel zuklappt. Aber das sahen wohl heute die wenigsten.
Am Donnerstag sollte es nach dem Yoga Kokusnüsse für alle geben, gestiftet vom Hotel. Entsprechend erhoben die Leute Anspruch auf die Kokusnuss und versammelten sich im Abendlicht am Strand. Die Kokusnussbringanlage war jedoch defekt, und wegen ungeklärter logistischer Fragen erreichte nicht jeden eine Nuss. Doch die noble Geste zählt. Am Freitag dafür Pizza für alle. Mit allem. Es war nachgerade unheimlich. Die anschließende, traditionelle und verblüffend professionell aufgezogene „Talentshow“ war zwar mit Meldepflicht verbunden und erreichte Bollywoodlänge, hatte aber eine Bollywood-Tanzeinlage zu bieten, schiefe und gerade Lieder, und noch mehr schiefe und gerade Lieder. Es wurde so getanzt, anders getanzt, und in einem Überbrückungssketch selbstironisch über die orangefarbenen Eimer gelacht. Ja, humorvoll ging es zu, und natürlich laut und ausgelassen und mit Jubelrufen. Erstaunlich, wie viele Konzertpianisten, Unterhaltungspianisten, Alleinunterhalter und Künstler im Allgemeinen unter uns sind. Abgesehen von den vielen Masseuren, Barkeepern, Ex-Junkies, Friseuren, Astronauten und Blondinen. Als wenn uns das noch gar nicht aufgefallen wäre. Amazing.
Wieder einmal nicht funktionierende Magnetkartenschlüssel stellten sich als Prüfung der Woche heraus. Wir möchten den guten alten Schlüssel zurück, den mit dem Bart.
Die Freude darüber, dass es bald vorbei ist, beschränkt sich an dieser Stelle unter anderem darauf, vor allem folgendes nicht mehr tagtäglich in unmittelbarer Gestalt und Nähe erdulden zu müssen:
Orangefarbene Eimer
Dialoggebrabbel aus allen Ecken
Leute unterwegs mit Kopfkissen unter dem Arm
Kollektives Applaudieren wegen allem und nichts
Kollektives Happy Birthday-Singenmüssen
Hässliche Kappen, hässliche Tassen
Klimaanlage
Das Wort „brainfart“. Inflationärer Begriff hauptsächlich zur Beschreibung eines kurzen, wohl blähungsartig auftretenden Denkausfalls beim Aufsagen des Dialogs in der posture clinic.
P.S. Kommt ein Yogi in eine Pizzeria. „Was darf’s sein?“ – „Eine Pizza mit allem, bitte.“
When you laugh, it’s true. When you cry, you understand.
Aus dem neunwöchigen Trainingskorsett quillt gelegentlich ein wenig Zeit heraus, die auf keinen Fall durch eine entspannte Mahlzeit, Schlaf oder gar Muße ausgefüllt werden darf! Vielmehr durch weitere, vor den Augen verschwimmende Bollywoodfilme mit Anwesenheitspflicht. Die Filmlänge dieser Produktionen entspricht bekanntlich nicht den westlichen Konventionen. Wenn nach gut zwei Stunden das Wort „Intermission“ auf der Leinwand erscheint, hat man einen ungefähren Begriff davon, wie lange die Zwangsunterhaltung noch andauern wird. Vorausgesetzt, Bikram hängt nicht noch, wie zuletzt geschehen, einen halbstündigen Sermon hinten dran. Alle Vorträge scheinen übrigens auf ganz natürliche Weise unter der rhetorischen Feststellung „What is God, what is Spiritualism“ zu laufen. Wieder einmal war zu erfahren, dass es wahrhaftig nicht mehr ums Zuhören ging — selbst die Strebsamsten sind um zwei Uhr morgens über diese Fertigkeit hinaus –, sondern um das nackte Erdulden. Und wieder haben wir einen neuen Meilenstein der Erkenntnis erreicht: Es gibt Dinge, die kann man nicht ändern. Wenn die Sache mit Jodhaa und Akbar vier Stunden braucht, dann braucht die Sache mit Jodhaa und Akbar eben vier Stunden.
Dass sich auch westliches Lehrpersonal auf indisches Zeitgefühl umstellen kann, stellte diese Woche Joel aus Philadelphia unter Beweis, einer der dienstältesten Yogalehrer, der in den Sechzigern spirituell wurde und Schriftzüge wie „Hare Krishna“ auf dem T-Shirt trägt. Eines Nachmittags putschte er den ganzen Saal zu einer Endlosschleife In-die-Hände-Klatschens-und-Hare-Krishna-Hare-Rama-Aufsagens auf. In ihrem Furor sprangen Dutzende von Yogis auf die Bühne und tanzten Polka. Dies wurde von Lieselotte mit ihrer Fotokamera live mitgeschnitten, und beim späteren Sichten des Filmmaterials kamen wir überein, dass uns diese Szenen, sollten sie jemals an die Öffentlichkeit gelangen, endgültig diskreditieren würden.
Flora, die zwergenwüchsige Massagefrau mit Silbergebiss und improvisierter Werkbank neben umgekipten Eimern am Strand, zieht von einem Hotelgast zum nächsten und singt wie ein Vogel: „Massage? Massage?“ Auch Bikram versteht sich als Barde. Sein Gesicht ziert mehrere CDs. Nach seinen Klassen verweilen wir auf unseren Mattern, um uns mit einem weiteren der offenkundig selbstkomponierten Stücke lautstark beschallen zu lassen. Bikrams mit synthetischen Klängen unterlegte Lieder enthalten die zyklisch wiederkehrenden Vokabeln „Love“, „Ocean“ und „Moon“, und zerfasern am Ende träumerisch im Nichts. Aus Pietätsgründen darf vorher der Yogaraum nicht verlassen werden. Der Verfasser zeigt sich selbst immer wieder begeistert von der musikalischen Qualität sowie der Komplexität der Rhythmen. Über diese Narretei zu lachen, sollte jedoch vermieden werden.
Kniefrakturen heilen wie durch Zauberhand. Heulkrämpfe spülen Kindheitstraumata an die Oberfläche und legen Chakren frei. Noch am Ende der siebsten Woche liefen Dutzende aus Bikrams Yogaklasse, um sich in die blauen Eimer zu übergeben und sich mit bunten Elektrolyt-Getränken versorgen zu lassen. Das Allerwundersamste aber trug sich Mitte dieser Woche zu. Niemand hätte mehr damit gerechnet. Am Mittwochmorgen, beim Hinaustreten aus der Yogahalle, klatschte er in dicken Tropfen aus einem verhangenen Himmel zu Boden. Die Palmen, die gelben Plastikblumen, die lilafarbenen Blüten jubilierten und sangen Raindrops Keep Falling On My Head. Sogleich verbreitete sich das Gerücht, dass es die ganze Woche regnen werde. Feucht der Sand, öd und leer das Meer. Aber die eigens durch die marmorne Lobby ausgelegten, rutschfesten Teppichläufer waren am nächsten Tag schon wieder verschwunden, und der Himmel leuchtete wie eh und je.
Unterwegs nach Acapulco liegt am Straßenrand ein brauner Hundekadaver. Bei den Klippenspringern vor dem legendären Hotel „La Perla“ aber wimmelt es von Leben. Ringsum den Parkplatz drängen sich Touristenbusse und die allgegenwärtigen weißblauen VW-Käfer-Taxis. Verzerrte Musik schallt aus einem der angrenzenden Etablissements. Bunte Leuchtbänder zieren die Bäume, und an kleinen Klapptischen werden leuchtende Kugelfische aus Gummi verkauft. Das stündliche Spektakel ist schnell vorbei; erst klettern die Männer, darunter einige sichtlich unter achtzehn, hinauf oder von oben herunter auf die verschiedenen Startblocks im Felsen, ein bisschen Armwedeln, ein bisschen in die Menge winken, ein bisschen Herumstehen, und hü-hüpf, schon sind alle Klippenspringer sehr beeindruckend in die Wellen gesprungen, und zum Fotoshooting und Klingelbeutelaufhalten zurück auf der Aussichtsplattform. Man muss sagen, es hat was. Von Mutprobe im Freibad, gepaart mit Straßenprostitution.
Die Stadt Acapulco hat ein rudimentäres altes Zentrum, zersetzt von chaotischem Verkehr, amerikansichen Fastfoodketten, wuchtigen Schaumparty-Strandbars, Nachtklubs und einer Unzahl Märkten. Eine weiß verschnörkelte Pferdekutsche lädt zu einer romantischen Fahrt durch die Straßen und Gassen ein. Das Pferd trägt einen lila Luftballon auf dem Kopf.
Wort zum Sonntag
So unfassbar es sein mag - zumal wir bislang immer nur die rechte Seite jeder Übung lernen -, allmählich drängt sich der Gedanke auf, dass ich - ich? - möglicherweise tatsächlich bald schon Yoga unterrichten werde. Es reden aber auch ständig alle darüber. Die Gruppe zeigt sich eher zurückhaltend. Unsere Lehrer jedoch erwähnen bei jeder sich bietenden Gelegenheit: Nutzt den Schwung und fangt so schnell wie möglich an zu unterrichten. Und zwar mit links! Es wird Spaß machen! Es ist der tollste Job der Welt! It’s absolutely amazing! Und wer weiß, vielleicht ist ja sogar was dran. Das Reizvolle an der (wahrhaft teuer erkauften) Mitgliedschaft in der “Community” ist, dass man mit diesem Zertifikat theoretisch überall, in jedem Studio der Welt, unterrichten kann. Man braucht nie wieder Schuhe, macht Lahme gehen und sich selbst den ein oder anderen Freund. Das hat man nicht in jedem Beruf.
Auf dem Hotelzubringer in Richtung WalMart, am Golfplatz entlang, blüht ein Baum mit dicken, gelben, kelchförmigen Blumen, die aussehen wie Plastik. Der Baum ist sehr spendabel. Überall auf dem Gehweg liegen abgefallene Blüten. Dicke SUVS und Taxis brettern vorbei. Der Eingang zum Hotelgelände wird von uniformierten und bewaffneten Männern bewacht, die freundlich winkend mit “Hola” grüßen.
Viele aus der Gruppe zählen schon die Tage und verbleibenden Yogaklassen. 21 Tage, 33 Klassen. Und dann, so heißt es immer, werden alle sehr traurig sein, und voller Verklärung an diese schrecklich schöne Zeit zurückdenken. Angebellt, aufgescheucht und zu allerhand gezwungen. Die Wochenenden erschöpft unter Palmen. Zurückkehren werde ich mit weniger Geld, weniger Oberweite, aber womöglich auch mit etwas weniger Ungeduld mit allem und jedem. Womöglich ist das dann die angekündigte Transformation, die man hier erfahren soll. Na schön. Es gibt Schrecklicheres.
Es kann nur schöner werden
Die sechste Woche hatte es in sich. Nie waren so viele erschöpfte Gesichter, Tränen und Überdrehtheit zu sehen. Ein Kandidat begann sich im Vortragssaal die Füße am Trinkwasserbehälter zu waschen und wirres Zeug zu reden, um umgehend zum Flughafen und in die Obhut seiner Mutter expediert zu werden – so das Gerücht. Vor Bikrams gefürchteten, nicht enden wollenden “Vorlesungen” war der Geräuschpegel im Saal so laut, und durch verschiedene Gruppenfotoshootings zusätzlich aufgeheizt, dass das Durchbrennen von Sicherungen allerdings allzu verständlich war. Vor den posture clinics ging das Stimmengewirr von nur dreißig Personen im Raum bereits an die Schmerzgrenze. Die nasalen Stimmen der blonden Texanerinnen klangen als endgültig sinnentleertes Quaken durch den Raum. Lärmschübe begleiteten die letzten Tage, zusammen mit einer neuen Grippewelle. Auch beim Yoga in unmittelbarer, schwitzender Nähe so vieler Menschen waren sämtliche Selbstbeherrschungsmechanismen erforderlich, und viel Vertrauen auf das eigene Immunsystem. Die unschönen körperlichen wie auch mentalen Zustände wurden so akut, dass sie sich während der Klassen in den Dialog einbrannten:
„Arme über den Kopf, Handflächen zusammen, und stöhnen!“
„Erstes backward bending, und breiig husten!“
„Vorsichtig das Knie nach unten drücken, und zweimal niesen!“
„Vor dem Dreieck in sich zusammenklappen, und Hals über Kopf aus dem Yogaraum rennen!“
In den ersten Reihen sorgte „Haare ausschütteln und sich im Spiegel bewundern“ für zusätzliches Aggressionspotential.
Es war nicht leicht, in der sechsten Woche ein Yogi zu sein. Und genau darum ging es.
Nachdem wir unser schönes Hotel bereits mit allerhand Konferenzteilnehmern hatten teilen müssen – Tupperwarevetretern, mexikanischen Seifenoperstars, mexikanischen Bankangestellten (die betrunken über Balkone kletterten) – reiste diese Woche eine große Gruppe von Schönheitschirurgen an, allesamt mit BOTOX-gesponserten Namensschildchen ausgestattet. Ihre erste Amtshandlung war, das Frühstücksbüffet zu verstopfen. Nicht wahr, ein pikantes Aufeinandertreffen zweier sich ausschließender Prinzipien! Entsprechend beäugen sich beide Seiten aus dem Augenwinkel. Unter dem Fahrstuhllicht ist der prüfende Blick der Ärzte spürbar; die dreihundert ganzheitlichen Yogis aber ziehen nach der Klasse leichtbekleidet mit ihren Matten durch die Lobby und straffen den Rücken wider die aufgebrezelten Frauen, die demonstrativ in hohen Schuhen und knappen Kleidchen im Durchzug stehen. Ob es sich dabei um assoziierte Mitglieder des Ärztekongresses, also um zukünftige Opfer oder fertige Produkte der Schönheitsindustrie, oder einfach nur um unschuldige Touristinnen handelt, ist unbekannt.
Shock and Awe
TOLL! Bei aller Wiederkehr des Gleichen gibt es immer wieder Überraschungen! Nachdem wir schon manche Spielart durchlebt haben – kühle Yogaklassen, heiße Yogaklassen, schwere Yogaklassen, leichte Yogaklassen, leise Yogaklassen — wurde uns heute Morgen zur Abwechslung eine GANZ LAUTE YOGAKLASSE GEGÖNNT! JA! DIESE YOGAKLASSE WAR SEHR, SEHR LAUT, SO LAUT WIE NOCH NIE! ES WAR EINE LAUTE YOGAKLASSE, DIE AN SEHR LAUTE LAUTSPRECHER IN EINER GROSSEN BAHNHOFSHALLE ERINNERTE! ODER ANS IM-CLUB-DIREKT-NEBEN-DEM-VERSTÄRKER-STEHEN! ZUM GLÜCK GIBT ES NUN KEINERLEI GRUND, SICH WÄHREND EINER YOGAKLASSE ZU UNTERHALTEN, DENN SONST WÄRE DIE KONVERSATION RECHT SCHWIERIG GEWESEN! NEIN, MAN HÄTTE SEIN EIGENES WORT NICHT VERSTANDEN! SO LAUT WAR ES, DASS MAN INS OHR SEINES NACHBARN HÄTTE AUS VOLLEM HALSE SCHREIEN MÜSSEN, UND ZWAR KRÄFTIG! AUF JEDEN FALL WAR EINE SO LAUTE YOGAKLASSE EINE GROSSE ÜBERRASCHUNG! DARÜBER HINAUS STEHT ZU VERMUTEN, DASS EINE YOGAKLASSE IN DIESER LAUTSTÄRKE ZU DEM HIER VERTRETENEN PRINZIP GEHÖRT, WAS EUCH NICHT UMBRINGT, MACHT EUCH STÄRKER! WARUM ALSO NICHT MAL EINE SCHÖNE LAUTE, DAS SPRICHWÖRTLICHE TROMMELFELL-ZUM-PLATZEN-BRINGENDE, ORIGINAL SUPERLAUTE YOGAKLASSE? DAMIT ES MAL RICHTIG KRACHT UND KNISTERT, UND DAMIT MAN SICH IM BALANCING STICK DARIN ÜBEN KANN, NACH LEIBESKRÄFTEN DIE ARME ÜBER DIE OHREN ZU DRÜCKEN! NEIN, DIE LAUTSTÄRKE EIN KLEIN WENIG HERUNTERDREHEN, DAS WÄRE NICHT GEGANGEN! AUF ANFRAGE LAUTETE DIE ANTWORT DES LEHRERS DURCHS HEADSET SCHLICHT UND ERGREIFEND: “SHUT UP!“
DANKE!
GLEICHFALLS!
Grundbedürfnisse – entweder man hat sie, oder man hat sie nicht
„Sleeping and eating are the worst crimes of your life“ — dieser Satz gehört zu Bikrams Aphorismen. Trinken, das darf man gerade noch. Und der Durst ist groß. Der Yogaraum ist heiß, der Teppich grau, und entgegen der wiederholten Aufforderung unserer Einpeitscher, während der Yogaklasse nur wenig zu trinken und statt dessen vor und nach der Stunde die verlorene Flüssigkeit auszugleichen, bechern die Trainees, als wenn es kein morgen gäbe. Lustige, leuchtend orangefarbene und mehrere Gallonen fassende Isolier-Trinkeimer, alle aus ein und derselben Charge unseres nächstgelegenen WalMart, sprenkeln hie und da den Yogaraum. Die bereits sprichwörtlichen „orange buckets“, die der Trinker nur beidhändig greifen kann und sich vors Gesicht halten muss, um durch einen unkleidsamen weißen Plastiknippel die Flüssigkeit aufzunehmen, werden selbstredend mit den auf jeder Hoteletage in großen Apparten erhältlichen, lebensnotwendigen Eiswürfeln gefüllt. Bei kollektivem Ansetzen klirrt es durch den ganzen Raum. Nach der letzten Atemübung schraubt manch einer gleich den Deckel ab, um Nase und Mund in den Eimer einzutauchen. Ja, liebe Freunde, es ist heiß. Ja, man schwitzt wie nie zuvor, und das auch noch zweimal am Tag. Ja, der Durst ist unermesslich. Und ja, es wird von Tag zu Tag schlimmer. Aber wie soll denn das weitergehen, zum Beispiel in zukünftigen Trainings? Wird man Wasserwerfer aufstellen, künstliche Teiche anlegen? Verlegt man das Yoga gleich in die städtische Kläranlage? Dass diese epidemische Trinkgewohnheit nicht schon in der ersten Woche ausgemerzt wurde, lässt an der Integrität des Veranstalters zweifeln.
Auch das Mitnehmen von Kissen, Kuscheldecken und Teddybären in den Vortragssaal droht Schule zu machen. Wobei man in diesem Fall fast schon wieder Nachsicht üben muss. Unser jüngster, von Bikram angeregter Kinoabend mit der DVD-Ausstrahlung des MAHABHARATA (Gesamtlänge 92 Stunden, von denen wir inzwischen immerhin acht bis neun abgehakt haben) zog sich am Freitagabend bis vier Uhr morgens hin. Und das nach einem vollen Arbeitstag mit zwei heißen Yogaklassen. Selbstverständlich durfte niemand vorzeitig den Saal verlassen. Dieserart Zermürbungsversuchen kann nur mit yogischer Gelassenheit und der festen Absicht entgegengewirkt werden, das Epos irgendwann einmal in aller Ruhe zu lesen. Im Anschluss an die Suche nach der verlorenen Zeit und das Telefonverzeichnis von Mexico City, versteht sich.
Zu diesem Bollywoodstreifen, der unter anderen Umständen (zum Beispiel freiwillig, und mit Option auf den Gebrauch der Vorspultaste) keinen geringen Unterhaltungswert hätte, möchte ich meinen holländischen Mittrainee zitieren: „It wasn’t an A-Movie, it wasn’t a B-Movie, it wasn’t a C-Movie, it wasn’t a D-Movie. It was an F-Movie. A F*****G MOVIE.“ Aber da war H. ein bisschen streitbarer als sonst.
Ein Höhepunkt der fünften Woche war das Aufschlagen einer Kokusnuss gegen Bikrams Kopf. Und das ging so: Bikram nahm eine Kokusnuss und schlug sie sich an seiner Stirn auf. Ob Uri Geller und David Copperfield ebenfalls hier in der Lehre waren, überlassen wir der Spekulation. Mitglieder des Hofstaats brachten dienstwillig Gläser heran, und Bikram saß auf der Bühne in seinem weißen Sessel, und trank. Später fuhr er fort, Karamellbonbons in die Menge zu werfen.
Tod, wo ist dein Stachelrochen?
Nachts vor dem Swimmingpool schlafen die Aufblastiere, auf der Seite liegend. Morgen wird ein anstrengender Tag.
Innerhalb von Sekunden geht die Sonne über dem Golfplatz auf.
Und dann ist Sonntag, und alle haben frei.
Die einen fahren zu den Klippenspringern (und kehren ein wenig enttäuscht zurück).
Eine andere zieht mit Dosen los, um streunende Hunde zu füttern (nein, eine andere).
Einer unserer Gastlehrer hat sich zur Feier des Tages den Bart rasiert. Staunend tritt er aus dem Fahrstuhl, als wenn er die Welt auf einmal mit ganz neuen Augen sähe.
Kurzes Plaudern am Morgen auf dem Sofa in der Lobby. Ein älterer Mann aus Mexico City erzählt, dass er jedes Jahr über den Maifeiertag nach Acapulco komme. Letztes Jahr habe er mit den Füßen im Meer gestanden und einen gewaltigen Schwarm Stachelrochen beobachtet.
Das Hotel wimmelt von Wochenendgästen, viele mexikanische Familien. Mariachi-Beschallung aus allen Ecken.
Tiefbraune Haut auf Plastikstühlen unter den Strandzelten.
Die Brandung ist so tosend, die Unterströmung so reißend, dass nichts auf dem Sand liegenbleibt. Keine Muschel, kein Krebs, kein Kieselstein. Das Strandleben ist laut und aufgeputscht wie ein Rummelplatz, nach der dritten Runde auf der Krake. Fauchend rollen die Wellen heran. Lieselotte entwirft beim Baden Szenarien vom Tod durch Rochenstachel, und bangt nach jeder Welle um ihr Bikinioberteil. Die mexikanischen Kinder sind an die Extreme angepasst und surfen auf Styroporbrettern, die sie am Handgelenk befestigt haben. Nur wer dabei wem nicht entrissen werden soll, bleibt unklar.
Am Imbissstand im Garten werden nachmittags Kokosnüsse geköpft, und auf dem Rasen kopulieren die Krähen.
good fences make good neighbors
Unsere große, glückliche Familie hat Schnupfen. Was anfänglich von den Veranstaltern mit großem Gestus für Woche 4 bis 5 geweissagt wurde, ist jedoch kein Zeichen einer finsteren Macht, sondern das Ergebnis der mechanischen Verwirbelung von Bakterien im Yogaraum. Dadurch, dass wir alle das gleiche Niesen, das gleiche Röcheln und das gleiche Husten haben, wachsen wir noch enger zusammen. Und das ist etwas Wunderbares.
Es war immer ein leicht anrüchiges Wort: E******. Nicht nur, weil dieser Begriff bei dieser speziellen Form der Leibesübung, um es vorsichtig auszudrücken, inflationär ist. Manche sehen eben lieber die praktischen Seiten des Yoga, als dass sie obskuren E******-Flüssen nachzuspüren geneigt sind. Da jetzt aber gezwungenermaßen zur Wissenschaft für sich geworden ist, an welcher Koordinate im Yogaaum und neben welchem Kollegen zu liegen das qualitative Überleben der mittlerweile brütendheißen Yogaklassen sichert, zum Thema nur soviel: Das verzweifelte Herumsuchen nach dem passenden Platz im Raum wurde uns freundlicherweise mittels Einführung eines Platzierungs-Rotationssystems abgenommen. Es soll nicht immer dieselbe Maus in der letzten Reihe hinter der Säule schlafen. Mittwochs liegen beispielsweise Gruppe 13 und 3 in Reihe 7, 8 oder 9, und so weiter. Bei Nichtbeachtung Strafe. Nun befinden sich aber nur an ausgewählten Stellen der Decke die zunehmend beliebten Ventilatoren, die nach etwa einer Stunde etwas auszuströmen beginnen, das entfernt und mit viel gutem Willen an Luft erinnert. Wer indessen zu Reihe 1, 2 oder 3 verdonnert wurde, steht nicht nur unmittelbar unter dem Podium des Lehrers und ist dessen Korrekturen ausgeliefert. Er kann sich spätestens nach dem Zehenstand im Zustand der Erstickung und Totalerschöpfung inmitten seiner eigenen Schweißlache auf die Matte sinken lassen, um auf die Gnade der eigenen Hyperventilation zu hoffen. Mit „learning to live with discomfort“ umschreibt man hier eine Praxis, die eigentlich ein Fall für Amnesty International wäre. Aber die Sache hat auch ihr Gutes. Es ist noch keiner dabei gestorben. Und die Erkenntnis, dass es dann sehr wohl einen Unterschied macht, ob der Nebenmann die ganze Zeit stöhnt und in sein Handtuch bricht, oder kraft Kraft und guter Strahlen schwächelnde Frolleins aus der awkward pose hochzureißen versteht wie der tätowierte Schauspieler aus Orlando (Florida; nichtandrogyn) – zerstreut auf einmal jeden Zweifel.