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… und löst euch auf!

Nach der mittlerweile dritten Yogaklasse sehen wir den großen Dichter Ernst Jandl wieder einmal bestätigt: lechts und rinks kann man velwechsern, und wird man velwechsern. „Linkes Bein eingebeugt, rechter Fuß über das linke Knie, linker Arm schiebt das rechte Bein zurück, oder das linke Bein, greift das linke Knie, oder das rechte, jedenfalls das am Boden liegende Knie, mit der — rechten Hand? Der linken Hand. Linke Hand. Jetzt haben wir’s. Einatmen, und drehen!“ Abgesehen von derlei Verwirrungen, und verschiedenen Versprechern, unter anderem der Aufforderung an die Klasse, sich aufzulösen (in Wohlgefallen? in Luft? in ihre Bestandteile?), sowie der partiellen Unfähigkeit, bei der Abschlussatmung rückwärts von fünf nach eins zu zählen, ging es – bisher – so weit – doch erstaunlich gut mit dem Unterrichten. Die Leute auf den Matten machen tatsächlich das, was man da in den Raum ruft – arrein das ist eine bahnblechende Elfahlung.

June 20, 2008. Geschrieben vom frollein im Reisetagebuch.
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„Euphorie“, mal schnell gegoogelt,

- bezeichnet eine subjektive, temporäre Gemütsverfassung mit allgemeiner Hochstimmung, gehobenem Lebensgefühl, verminderten Hemmungen.

- abgeleitet von gr. „euphoros“ „gesund“, welches sich aus „eu“ „gut“ und „phrein“ „(er)tragen(d)“ [!] zusammensetzt.

- biologisch durch den Botenstoff Dopamin ausgelöst.

- bedingt durch Drogen, Arzneimittel, Alkohol, extreme körperliche Leistungen, überstandene Extremsituationen.

Drogen, Alkohol und Arzneimittel fallen (weitestgehend) schon mal weg. Dann müssen es wohl doch Leistung und Extremsituation gewesen sein, weswegen der Absturz in der Wirklichkeit, Flughafen Frankfurt am Main, Montag den 9. Juni gegen halb vier nachmittags, erwartbar gewesen war, und eintraf. So bittersüß wie die Vertreibung aus dem Traningsparadies gestaltete sich also die Rückkehr in das sogenannte ‚alte Leben’, trotz des Umstands, nun als Inderin wiedergeboren zu sein und mit einem unpedikürten Fuß in Bikrams vielzitiertem Zustand des „cosmic consciousness“ zu stehen. Wovon zunächst wenig zu spüren war nach der beinahe 24-stündigen Rückreise. In Wahrheit waren da vor allem ein Frosch im Hals, ein zugeschnürter Magen und alle weiteren Unbehaglichkeitsklischees zu spüren, und dazu noch das Gefühl, zwar zertifiziert, aber völlig unqualifiziert zu sein und in diesem zweifelhaften Zustand sehr bald schon vor eine Klasse treten zu müssen. Sie „in die Übung rein, und aus der Übung rausbringen“ zu müssen. Den Erwartungen des heimatlichen Yogastudios gerecht werden zu müssen. Und auf schlabbrige Tortillas in roter Soße zum Frühstück verzichten zu müssen. Gruselig.

Es war, als wenn wir zwei Monate lang Kaufmannsladen gespielt hätten, um am nächsten Morgen an der Wall Street anzufangen.

Wenigstens konnte Deutschland sommerliche Temperaturen vorweisen. Nichtsdestoweniger wirkte die Wirklichkeit unwirtlich, verschwommen, unwirklich, und irgendwie frustrierend. Schon aus der Luft zeitigte der Anblick der landschaftlichen Reinlichkeit und geschrubbten Autobahnen weniger Wiedersehensfreude als Gereiztheit und die Sehnsucht nach sofortiger Schubumkehr in Richtung des bunt verschachtelten und rätselhaften Stadtteppichs von Mexiko City, aus der Luft wie ein riesiger, gesprengter Zauberwürfel.

Wieso eigentlich? Waren wir nicht alle froh, dass es vorbei war? Dass wir die neunwöchige Marter überstanden hatten? Dass wir vermutlich nie wieder in dieser Form gegängelt werden würden? Dass wir uns nie wieder, es sei denn freiwillig, die Nächte mit Bikram um die Ohren schlagen müssten, um am nächsten Morgen um acht mit 300 Leuten in einem überheizten Yogaraum strammzustehen?
Wieso haben dann eigentlich so viele beim Abschied Tränen vergossen?

June 19, 2008. Geschrieben vom frollein im Reisetagebuch.
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Acapulco finito

Die letzte Nacht im Hotelbett. Ein letztes Mal Yoga. Ein letztes Mal zischt die Diet Coke-Dose der Mitbewohnerin. Ein letztes Mal Limetten schneiden. Kofferpacken. Feuchte Badesachen in die Ritzen stopfen, und Loslassen. Der Blick vom sechsten Stock hinunter ins Atrium hat schon etwas Fremdes angenommen. Hunderte von Teilnehmern einer neuen Konferenz sind eingetroffen, und wie sich dazwischen die Bikram-Gruppe mit ihren Koffern und Taschen drängen, um nach und nach in den Flughafen-Shuttle zu steigen, erzeugt Melancholie; Umarmungen, Tränen, Glückwünsche und Erfolgswünsche tauchen die Erinnerung an Gewusel, Gequake und Gruppenphobie schon jetzt in weiches Licht. Beim Feiern zeigten sich die Leute – bei aller Überkompensation – erstmals in natürlichem Verhalten, statt im Zehenstand oder beim Stammeln von Dialog vor dem Tribunal, und manche waren plötzlich nochmal anders sympathisch. Dass selbst diejenigen, mit denen man neun Wochen lang kein Wort gewechselt hat, beim Endspurt plötzlich redselig werden, gehört wohl zu den Gesetzen der Gruppendynamik. Auch wenn man es manchmal aus dem Blick verlor: diese zermürbende wie erhebende Yoga-Erfahrung verbindet. Interessant wird es, wenn man den einen oder anderen irgendwann in irgendeinem Yogastudio als Lehrer wiedertrifft, oder in seinem eigenen begrüßt. Während manche in ihr altes Leben, in alte Jobs zurückfahren, haben andere Häuser verkauft, Jobs aufgeben und gehen jetzt auf Reisen, um irgendwo in der Welt zu unterrichten; auch das ermöglicht die Bikram-Community. Ein Londoner überlegt, das Yoga zurück nach Indien zu tragen und ein Studio in Goa zu eröffnen.

June 8, 2008. Geschrieben vom frollein im Reisetagebuch.
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Wir haben fertig

Es wäre uncharakteristisch gewesen, wenn die Abschlussfeier keine Geduld erfordert hätte. Um 11 Uhr vormittags fanden sich alle in unterschiedlich gelungenem Zustand in demselben Vortragsaal ein, wo neun Wochen lang auf quietschenden Polsterstühlen gelitten, gelacht, gebangt, applaudiert und mit indischer Filmkunst zwangsernährt worden war. Nachdem endlich alle Reden geschwungen, alle Blumen überreicht und alle 300 Beteiligten in alphabetischer Reihenfolge aufgerufen und zu Urkundenannahme und Foto mit einem als Al Capone verkleideten Bikram über die Bühne geschleust worden waren, galt man gegen 15 Uhr als zertifiziert. Im Anschluss gab es das letzte Büffetlunch, und wie es die Floskel so will, wurde sich darauf gestürzt. Wer getrödelt hatte, musste vor leeren Trögen und Kuchenplatten auf Neubefüllung zur Grundlagensicherung warten. Was folgte, war die sturzbachartige Schaffung eines kollektiven Rauschzustands. Wer nicht schon am vorangegangenen Wochenende aufgestockt hatte, zog in zielsicheren Grüppchen zum Bierkauf zu Walmart. An allen verfügbaren Strand- und Hotelbars wurde in allen Formen und Farben Alkohol konsumiert. Auf allen Wegen und Pfaden liefen die neugeborenen Yogalehrer und -lehrerinnen dem Alkoholgenuss entgegen, als wenn es neun Wochen lang nicht einen einzigen Tropfen gegeben hätte. Was ja gesehen auch stimmt. Mehr oder weniger. Bei Sonnenuntergang wurde unter dem Vorwand der Marshmallowrösterei ein Lagerfeuer am Strand gebaut, aber in Wirklichkeit ging es darum, sich an der Bar mit alkoholischen Cocktails zu versorgen. Auch anderswo sprach man dem Feuerwasser zu; in Zimmer 501 des Hauptgebäudes wurde getankt und getanzt, Bier verschüttet und auf den Betten gelümmelt. Wüstes Tanzen ging im hoteleigenen Nachtklub weiter, bis der hoteleigene Nachtklub zwischen 3 und 4 Uhr die teils stark alkoholisierten Personen in die Lobby hinauf trieb und seine eisernen Tore schloss.

June 7, 2008. Geschrieben vom frollein im Reisetagebuch.
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Wiedergeboren in Kalkutta

Die Zeit hat eine andere Dimension bekommen. Zehn Minuten sind plötzlich elastisch wie noch nie. Zehn Minuten und zwei Stunden bleiben noch bis zur feierlichen Überreichung des ZERTIFIKATS. Was diese neun Wochen eigentlich waren – dabei nachzudenken ist noch zu früh. Zumal sie noch nicht zuende sind. Vorläufige, unzertifizierte Theorien jedoch umfassen

Die Stahl-Theorie
Das Teacher Training als künstlicher Kriegszustand. Nach neun Wochen Kasernenton, Meldepflicht, Schlafentzug und Propagandabeschallung tauchen wir nach dem Bad im Stahlgewitter und der Abreibung mit dem Stahlschwamm als glänzende Sieger über innere und äußere Feinde hervor. Manche sagen auch: traumatisiert. Alles Widrige prallt fortan von uns ab; Gesundheit, Schönheit und Rolex-Uhren dagegen ziehen wir magnetisch an.

Die Halluzinogen-Theorie
Häufig wird das Teacher Training von Ex-Konsumenten wie Abstinenzlern als neunwöchiger Trip dargestellt. Das erscheint vernünftig. Würde jedenfalls die Dauereuphorie, das verzerrte Zeitgefühl, den fehlenden Hunger auf feste Nahrung, die bunten Filme, in denen Inder stundenlang OM SHANTI OM singen und Discobewegungen machen, und natürlich die rosa Truthähne erklären. Oder Flamingos? Vögel jedenfalls. Ganz viele Vögel. Und ich glaube, sie sind hinter mir her.

Die Truman Show-Theorie
Das Teacher Training als Aufenthalt im künstlichen Mikrokosmos unter einer Glaskugel. Als Mexikaner verkleidete Hotelangestellte bringen einem nach einem harten Tag mit dem Wägelchen das Essen aufs Zimmer bringen. Gegen Monopoly-Geld, versteht sich. Jeder Tag gleicht ein bisschen dem anderen. Es gibt jede Menge Applaus und Gejubel. Ständig hat jemand Geburtstag. Manchmal wird auch geweint. Am Schaltzentrum dieser kleinen, aber einzigen Welt sitzt eine 1,50 kleine, gottvaterähnliche Gestalt im weißen Nickianzug, die mit Vorliebe Flüche ausstößt und einen jederzeit vor die Tür setzen kann. Die kleine Gestalt verbreitet Angst und Schrecken, und spendet Hoffnung. Blasen enden meist damit, dass am die Luft raus ist. Aber das wiederum wollen wir nicht hoffen.

June 6, 2008. Geschrieben vom frollein im Reisetagebuch.
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Hundert Jahre Yoga

Bikram liebt den Vergleich mit anderen Sportarten (von denen keine etwas taugt; allenfalls dazu, den Körper durch partielle Überbelastung zugrundezurichten): bei welchem Sport kann man 20 Sekunden den Ball übers Netz schlagen, um sich dann 20 Sekunden lang hinzulegen und zu entspannen? Und dann wieder 20 Sekunden lang den Ball übers Netz zu schlagen, um sich 20 Minuten zu entspannen?
Die Entspannung, das sogenannte Savasana, dient beim Yoga sowohl zur Erholung von der vorangehenden und zur Vorbereitung auf die kommende Herausforderung. Beim Teacher Training lernt man, Yoga als große Metapher auf das Leben selbst zu sehen: eine große Menge breitet, mal gezielt, mal nach dem Zufallsprinzip, in einem warmen Raum eine Matte aus und steckt damit sein kleines persönliches Gebiet ab. Ringsum finden sich Leute ein, die genau dasselbe tun: in großer Nähe zur selben Zeit die selben Übungen machen und dabei leiden und schwitzen, unterbrochen von dem ein der anderen kleinen Erfolgserlebnis. Alle machen ungefähr dasselbe; jeder vergießt aber seinen eigenen Schweiß und versucht so gut es geht, seine Nachbaren zu ertragen, zu mögen, oder irgendwie von ihnen zu profitieren. Es ist offensichtlich, aber darum nicht weniger wahr: Irgendwie so ist auch das wahre Leben.

Die letzte Metapher auf das Leben ging heute um neunzehn Uhr zuende. Bikram entließ uns aus unserer ultimativ letzten Yogaklasse mit seinem Superhit „I’m Feeling Lonely“, und die Gruppe entließ ihn schweißgebadet unterm Neonlicht mit stehendem Applaus, worauf sich an unmotivierte Silvesterfeiern erinnernde Umarmungen und Jubelrufe ausbreiteten.

Es ist überstanden; und vollkommen unwirklich, so plötzlich von der Leine gelassen zu sein. Was folgt, ist Verwirrung und ein vorsichtiges Herantasten an die wiedergewonnene und zugleich neue Freiheit. Es ist ja erst der Anfang.

Unser letzter Vortrag endete mit einer kollektiven zehnminütigen Atmung, bei der man irgendwann levitieren, oder wie die 150 Jahre alten Yogis ohen Essen und Trinken in einem Baum sitzen können soll. Auf jeden Fall ziemlich preisgünstig draufkommen kann. Und im Anschluss gab es, auch wenn es längst dunkel war im Palmengarten, eine Flasche rosa Moet et Chandon, der erste inoffizielle Alkohol seit neun Wochen, gestiftet von den Hamburger Mädchen, die morgen nach der offziellen Graduation schon ins Flugzeug steigen.

June 6, 2008. Geschrieben vom frollein im Reisetagebuch.
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