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Da brennt die Luft

Thüringisches Hoheitsgebiet, kurz vor den Osterferien. Die Zeit hinkt, bleibt gelegentlich stehen und sieht nach der wintrigen Sonne. Nach langem Stapfen unter Autobahnbrücken, über Hügel, vorbei an Hinweisschildern, Hochsitzen und Gehöften, aus denen hier und da ein Husten dringt, geht es weiter auf gefrorenen Wegen und knirschendem Gras, die Felder braun, die Bäume nackt, windig, einsam die Flur, dunkel der Wald. Lichtung, schnaufen, verweilen, weiter, um die Biegung. Pubertierende Forsythien und eine Anordnung kommen in Sicht, die einen GASTHOF erahnen lassen. Es splittert, blättert und rostet, und die Mittagssonne taucht die verlassene Terrasse mit den Kunststoffmöbeln in nostalgisches Licht; eine beschriftete Tafel nährt den Verdacht, dass jemand warme Wurstmahlzeiten herstellen und Handel treiben will. Fragt sich nur mit wem.
Der Blick schweift umher. Hinter dem Zaun bläst der Wind den Zwergponys und Ziegen Schneisen in den Pelz. Reflexhaft an die Scheibe des Bestelltresens geklopft, rührt sich etwas im Innern, und ein stark behaarter Mann schiebt das Fenster auf. Das Besondere ist nicht, dass der Mann nur ein Handtuch um die Hüften trägt. Das Besondere ist, dass er jedem ein hartgekochtes Ei in die Hand drückt. Umgehend wird der Bohnenkaffee aufgesetzt.
Wir warten in der Sonne unter einem Fliegenpilz.
Mit überschwappenden Henkeltassen kommt der Mann aus dem Haus, und wie jemand, der lange hat schweigen müssen, stemmt er die Hände in die inzwischen bekleideten Hüften und beleuchtet unaufgefordert Geschichte und Gegenwart des Gasthofs, rückläufige Zwergtierzahlen, nahegelegene Aussichtspunkte, Liechtensteiner Finanzskandale und die Notwendigkeit eines Großeinkaufs für das anstehende Osterfest. Schließlich kassiert er die Zeche, um mit Blick über die abschüssige Tischlandschaft zu phantasieren, dass das anstehende Osterfest dem Gasthof buntes Treiben und eine erkleckliche Geldsumme bescheren werde.

Vor dem inneren Auge steigt die Auferstehungsparty. Überall Eierschalen. Wurstdämpfe bis in den Himmel. Gezeter am Ponyzaun. Jägermeister für alle. Parkende Autos, trunkenes Lachen, Musik aus den Boxen, Schweißflecken unterm Arm, Maik und Mandy kommen sich näher, Fliegenpilze schützen vor der Sonne am kaiserblauen Himmel, Würste, aufsteigender Blutdruck, Würste, Magensäure, ein Aufstoßen geht unter im Dröhnen der Motoren und ein Rudel Hell’s Angels fährt knatternd vor …

„Leute”, sagt der Mann, bevor er sich abwendet und zuversichtlich im Haus verschwindet, “da brennt die Luft.”

Leute, da BRENNT die LUFT!

Leute, HOT YOGA ist HOT. Ohne die heißen Öfen in den Zimmerecken wäre das anders. Das wissen wir inzwischen ALLE zur GENÜGE! Leute, es gibt Leute, die suchen sich sogar EXTRA den HEISSESTEN Platz im Raum aus. Wenn’s richtig voll ist „wie in einer WURSTPELLE“, wenn die Matten DICHT an DICHT liegen, auch DAS mögen manche BESONDERS gern, sind achtunddreißig Grad schnell überstiegen, was zu gefühlten Brattemperaturen führen kann und beweist, dass YOGA MEHR IST ALS RÄUCHERKERZEN und OM-AUFSAGEN bis zum UMFALLEN. Es ist außerdem TEFLON, FEGEFEUER, DAMPFLOKBETREIBEN, PRÜFUNGSANGST, OHNE KLIMAANLAGE, FATA MORGANA, SAUNAWETTBEWERB und WALLUNGEN. Wäre ja alles machbar, wenn man einfach nur mit geschlossenen Augen auf dem Handtuch liegen und an EISKALTES GATORADE, ALPENPANORAMA, FERIEN oder LUFT denken dürfte.
Stattdessen wilder Aktionismus, bei dem uns SCHWINDLIG oder SCHLECHT wird und wir nach LUFT SCHNAPPEN müssen. Wir sinken zu Boden, lassen den Kopf hängen und leiden. Wenn wir ERSTICKEN, VERDURSTEN, BEWUSSTLOS ZU WERDEN oder auch STERBEN ZU MÜSSEN glauben, sagen die Lehrer, das sei GANZ NORMAL! Dergleichen antizipierend geben sie deshalb vorher das Gebot an die Schüler heraus, den RAUM UNTER KEINEN UMSTÄNDEN ZU VERLASSEN. Ja, Leute, den Raum nicht verlassen. Egal was passiert. Erstprobanden werden blass. Sie begreifen, dass es zu spät ist, jetzt noch den Raum zu verlassen.

Ja, Leute, den Raum zu verlassen kommt einer TODSÜNDE gleich und geht mit dem allseitigen VERLUST der RAUM CREDIBILITY einher. Das Durchhaltekommando „HABT SPASS!“ wirkt da genauso utopisch wie die Einsicht in die Notwendigkeit des vielzitierten „KILL YOURSELF IN 90 MINUTES“.

US-Amerikanisches Hoheitsgebiet, kurz nach den Weihnachtsferien. Ein Yogastudio. 15 Uhr 30, Begrüßungstemperatur heiß, Thermometer steigend. Der Lehrer besteigt das Podest. Schon beim Bogen im Stehen sitzen auffallend viele. Es ist HEISS, Leute. Mexikanisch heiß: Erinnerungen an rote Gesichter und blaue Brecheimer werden wach. Flach atmen und DEN RAUM NICHT VERLASSEN. DEN RAUM NICHT VERLASSEN. Nach einer Stunde auf dem Boden angekommen, liegen die meisten. Noch sind alle im Raum. Bis ein Waschbrettbauch mutig den ersten Schritt wagt. Er steht auf und verlässt den RAUM. Dies scheint das Stichwort für eine Dame aus der dritten Reihe zu sein. Auch sie VERLÄSST den RAUM. Verlässt da etwa noch ein Dritter den Raum? Das ist ungewöhnlich, Leute. Es ist heiß, Leute. Sieht so die Revolte aus?

Sieht so die halbe Schildkröte aus?

Und dann heult jemand SEHR LAUT AUF. Nur ist es kein JEMAND. Es ist eine SIRENE, die SO LAUT HEULT, DASS MAN AUGENBLICKLICH ÜBERZEUGT IST, FÜR DEN REST SEINES LEBENS EINEN HÖRSCHADEN DAVONZUTRAGEN. Es ist FEUERALARM, Leute! JA, LEUTE, FEUERALARM! FEUERALARM! FEUERALARM! LAUT LAUT LAUT LAUT! UND ES HÖRT NICHT AUF!

RAUM VERLASSEN! RAUM VERLASSEN! RAUM VERLASSEN!
Und zwar SOFORT!
Innerhalb von Sekunden stehen alle in Mänteln auf der Straße statt auf Knien im Kamel, und die herannahenden Feuerwehrsirenen (TATÜ TATA) heulen mit dem Feueralarm aus dem Innern des Gebäudes um die Wette.

Einen BRAND im herkömmlichen Sinne vermutete natürlich niemand. Und zwar zu Recht. Nein, Leute, es brannte einfach nur die Luft.

January 7, 2009. Geschrieben vom frollein im Reisetagebuch.
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