Jesus ist unter uns
Um es gleich vorweg zu sagen: was die äußeren Umstände betrifft, haben wir es gut hier. Und was das Wetter betrifft: Es ist einfach immer schön, und immer warm. Keine Diskussion.
Gelegentlich spaziert ein Pfau durch die offene Lobby. In der Mitte des Aztekentempels plätschern Brunnen mit hellblauen Mosaiken, wedeln Palmen und spazieren Gäste kreuz und quer über die Ethno-Bodenintarsien. Dank der Durchzugsarchitektur bläst hier immer ein kräftiger Wind, der den Frauen die Röcke hochweht und nach gut haftenden Toupets verlangt. Zum Meer hin schlängeln sich palmengesäumte Wege durch die künstliche Paradieslandschaft. In diversen türkisblauen Becken schwimmen Leute. Die Schwäne, darunter, eine Spur überperfektionistisch, sogar ein schwarzer, haben eigene Becken. Auf den Steinen und Inselchen stehen wie angekündigt die rosa Flamingos und schlafen. Wessen Geschmack das Hotel vor allem zuliefert, beweist das Gehege mit den beiden Golden Retrievern „Kimi“ und „Chunky“, vor dem sich ständig junge Amerikanerinnen hinknien, um säuselnd mit den Tieren Kontakt aufzunehmen. Ich glaube, die Hotelangestellten schließen untereinander Wetten ab bei jedem weiblichen Gast, der an dem Gehege vorbeigeht. Wird sie, oder wird sie nicht? Heute wurden die Hunde von zwei Hotelangestellten gestaubsaugt.
Es sind respekteinflößende Brecher. Vor dem Schwimmen im Meer wird gewarnt. Klar, dass man hier nicht von David Hasselhoff und Pamela Anderson aus dem Wasser gefischt wird, aber ob man mit dem „Bademeister“ mehr Glück hätte, der in seinem Turm sitzt und sich hin und wieder ein Fernglas vors Gesicht hält, ist fraglich. Der Sand ist seidig, die Muscheln sind rosa, und von freischaffenden Händlern feilgeboten werden Tierstatuen, vierrädrige motorisierte Gefährte, Ritte auf Kleppern, blutwurstähnliche Süßigkeiten in Zellophan, bunte Tücher und Kleider, und Massagen.
Unser tägliches Brunch-Büffet bietet alles: Bohnenpaste und Guacamole, Croissants und Zuckerschnecken und Bagels, Pancakes mit Ahornsirup, Eier in allen Formen und einer Farbe, Speck, Würstchen, Huhn, Reis, Gemüse, Salat, Mangos und Papayas – und da uns ununterbrochen gepredigt wird, dass man wegen der körperlichen Beanspruchung UNBEDINGT ESSEN müsse, war zumindest meine Plauze jeden Mittag zum Bersten voll. Viele hatten in der ersten Woche Probleme mit Verdauung und Nahrungsaufnahme, und ein Großteil der Predigten (die ununterbrochen erfolgen und sich nur qualitativ zu verändern versprechen) drehten sich vor allem um Durchfall und Verstopfung.
Auch Bikram predigt viel, und man kann sagen: er wiederholt sich. „Great things come in small packages“ gehört zu seinen Lieblingssprüchen, was sich nicht nur auf Kürze und Effektivität der Yogaübungen bezieht, sondern vor allem auf seine geschätzten 155 Zentimeter Körpergröße.
Der Meister präsentierte sich zum Begrüßungsvortrag im weißen Zuhälteroutfit und stellte seinen originellen Kleidergeschmack unter Beweis, indem er anlässlich unseres ersten Posture clinic-Marathons (280 Leute sagen vor Bikram auf einer Bühne mit Mikrophon die erste Übung auf, den halben Mond; er kommentiert und korrigiert) abwechselnd im Bengalischem-Tigerhemd, Discoanzug und weißem Nicki-Strampler auftrat.
Zum Yoga erscheint er indessen traditionell im knappen Speedo-Höschen. Die ersten paar Tage versprühte er weitgehend gute Laune. Sein Unterrichtsstil — „Miss Blue, get your fucking leg UP!“ – „Mr. Orange Pants, you are LAZY ASS, you hear me?!“ – ist wohl für alle ein bisschen gruselig; ich war zum Glück in der ersten Stunde so sehr damit beschäftigt, weder umzukippen noch mich zu überzugeben, dass ich andere Sorgen hatte.
Und so lief unsere erste Woche ab: Yoga – Posture Clinic/Predigten – Yoga – Predigten/Posture Clinic.
Die anfängliche, überraschende Gewogenheit verstand der Meister durch extreme Ausfälle wettzumachen. Dass ihn eine Hassliebe mit der westlichen Zivilisation verbindet, ist unschwer auszumachen; dass er sich aber Einzelne willkürklich aus der Menge herauspickt, um das zu demonstrieren, ist grässlich. Alles, was phänotypisch auf irgendeinen seiner Meinung nach krankhaften Auswuchs moderner westlicher Kultur hindeutet (sagen wir, kurzhaarige Frauen), verdient einen Wutanfall, der sich etwa so äußert.
Er: „Your dialog ist okay, but why you have that short hair?“
Sie (kleinlaut): „ … because I like it?“
Er (imitiert höhnisch mit nasaler Stimme): „BECAUSE I LIKE IT. You are an IDIOT! A stupid f**k!“
Die blonden Texanerinnen müssen sich nur auf die Bühne stellen, und wenn sie nicht total versagen, heißt es: „Good. I like the hair“.
Zugleich zeigt er sich rührend und aufrichtig geduldig mit solchen, die vor Lampenfieber kein Wort herausbringen und liefert mitunter erstaunliche Korrekturen ab hinsichtlicher der (Selbst)-darstellung mancher Mitstreiter. Hin und wieder wirkt er ein kleines Wunder. Eine Frau, die am ganzen Leib zitterte und nicht mal ihren eigenen Namen herausbrachte, nahm er über die Schulter und galoppierte mit ihr vor der Bühne hin und her. Dann sagte er: „No go and do your job.“ Und so geschah es.
Bikram ist zum Schreien komisch, ein geborener Komödiant. Er ist ein geborener Redner, offensichtlich ein genialer Geschäftsmann, er spricht sogar Japanisch (und liebt Asiaten bedingungslos) – und gleichzeitig ein launisches, größenwahnsinniges Riesenbaby in einem dicken weißen Sessel, das genau weiß: er kann schreien und bockig sein und seine Rassel in die Ecke feuern, und alle rennen los, um sie aufzuheben.
Der klassische Tyrann.
Allein schon statistisch musste sich aus unserer Trainee-Gruppe jemand finden, der das gewagte Unterfangen in Angriff nimmt, nach dem Zentrum der Macht zu streben. Ein Mitstreiter, den wir aus naheliegenden Gründen „Jesus“ getauft haben, machte sich während Bikrams erstem Wutanfall mit der Offerte einer Fußmassage an den Meister heran – ein Aktion, die Bikram zu gefallen schien, die innerhalb der Gruppe nicht nur Sympathien weckte.
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