Hundert Jahre Yoga
Bikram liebt den Vergleich mit anderen Sportarten (von denen keine etwas taugt; allenfalls dazu, den Körper durch partielle Überbelastung zugrundezurichten): bei welchem Sport kann man 20 Sekunden den Ball übers Netz schlagen, um sich dann 20 Sekunden lang hinzulegen und zu entspannen? Und dann wieder 20 Sekunden lang den Ball übers Netz zu schlagen, um sich 20 Minuten zu entspannen?
Die Entspannung, das sogenannte Savasana, dient beim Yoga sowohl zur Erholung von der vorangehenden und zur Vorbereitung auf die kommende Herausforderung. Beim Teacher Training lernt man, Yoga als große Metapher auf das Leben selbst zu sehen: eine große Menge breitet, mal gezielt, mal nach dem Zufallsprinzip, in einem warmen Raum eine Matte aus und steckt damit sein kleines persönliches Gebiet ab. Ringsum finden sich Leute ein, die genau dasselbe tun: in großer Nähe zur selben Zeit die selben Übungen machen und dabei leiden und schwitzen, unterbrochen von dem ein der anderen kleinen Erfolgserlebnis. Alle machen ungefähr dasselbe; jeder vergießt aber seinen eigenen Schweiß und versucht so gut es geht, seine Nachbaren zu ertragen, zu mögen, oder irgendwie von ihnen zu profitieren. Es ist offensichtlich, aber darum nicht weniger wahr: Irgendwie so ist auch das wahre Leben.
Die letzte Metapher auf das Leben ging heute um neunzehn Uhr zuende. Bikram entließ uns aus unserer ultimativ letzten Yogaklasse mit seinem Superhit „I’m Feeling Lonely“, und die Gruppe entließ ihn schweißgebadet unterm Neonlicht mit stehendem Applaus, worauf sich an unmotivierte Silvesterfeiern erinnernde Umarmungen und Jubelrufe ausbreiteten.
Es ist überstanden; und vollkommen unwirklich, so plötzlich von der Leine gelassen zu sein. Was folgt, ist Verwirrung und ein vorsichtiges Herantasten an die wiedergewonnene und zugleich neue Freiheit. Es ist ja erst der Anfang.
Unser letzter Vortrag endete mit einer kollektiven zehnminütigen Atmung, bei der man irgendwann levitieren, oder wie die 150 Jahre alten Yogis ohen Essen und Trinken in einem Baum sitzen können soll. Auf jeden Fall ziemlich preisgünstig draufkommen kann. Und im Anschluss gab es, auch wenn es längst dunkel war im Palmengarten, eine Flasche rosa Moet et Chandon, der erste inoffizielle Alkohol seit neun Wochen, gestiftet von den Hamburger Mädchen, die morgen nach der offziellen Graduation schon ins Flugzeug steigen.
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