Wiedergeboren in Kalkutta
Die Zeit hat eine andere Dimension bekommen. Zehn Minuten sind plötzlich elastisch wie noch nie. Zehn Minuten und zwei Stunden bleiben noch bis zur feierlichen Überreichung des ZERTIFIKATS. Was diese neun Wochen eigentlich waren – dabei nachzudenken ist noch zu früh. Zumal sie noch nicht zuende sind. Vorläufige, unzertifizierte Theorien jedoch umfassen
Die Stahl-Theorie
Das Teacher Training als künstlicher Kriegszustand. Nach neun Wochen Kasernenton, Meldepflicht, Schlafentzug und Propagandabeschallung tauchen wir nach dem Bad im Stahlgewitter und der Abreibung mit dem Stahlschwamm als glänzende Sieger über innere und äußere Feinde hervor. Manche sagen auch: traumatisiert. Alles Widrige prallt fortan von uns ab; Gesundheit, Schönheit und Rolex-Uhren dagegen ziehen wir magnetisch an.
Die Halluzinogen-Theorie
Häufig wird das Teacher Training von Ex-Konsumenten wie Abstinenzlern als neunwöchiger Trip dargestellt. Das erscheint vernünftig. Würde jedenfalls die Dauereuphorie, das verzerrte Zeitgefühl, den fehlenden Hunger auf feste Nahrung, die bunten Filme, in denen Inder stundenlang OM SHANTI OM singen und Discobewegungen machen, und natürlich die rosa Truthähne erklären. Oder Flamingos? Vögel jedenfalls. Ganz viele Vögel. Und ich glaube, sie sind hinter mir her.
Die Truman Show-Theorie
Das Teacher Training als Aufenthalt im künstlichen Mikrokosmos unter einer Glaskugel. Als Mexikaner verkleidete Hotelangestellte bringen einem nach einem harten Tag mit dem Wägelchen das Essen aufs Zimmer bringen. Gegen Monopoly-Geld, versteht sich. Jeder Tag gleicht ein bisschen dem anderen. Es gibt jede Menge Applaus und Gejubel. Ständig hat jemand Geburtstag. Manchmal wird auch geweint. Am Schaltzentrum dieser kleinen, aber einzigen Welt sitzt eine 1,50 kleine, gottvaterähnliche Gestalt im weißen Nickianzug, die mit Vorliebe Flüche ausstößt und einen jederzeit vor die Tür setzen kann. Die kleine Gestalt verbreitet Angst und Schrecken, und spendet Hoffnung. Blasen enden meist damit, dass am die Luft raus ist. Aber das wiederum wollen wir nicht hoffen.
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