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Wort zum Sonntag

So unfassbar es sein mag - zumal wir bislang immer nur die rechte Seite jeder Übung lernen -, allmählich drängt sich der Gedanke auf, dass ich - ich? - möglicherweise tatsächlich bald schon Yoga unterrichten werde. Es reden aber auch ständig alle darüber. Die Gruppe zeigt sich eher zurückhaltend. Unsere Lehrer jedoch erwähnen bei jeder sich bietenden Gelegenheit: Nutzt den Schwung und fangt so schnell wie möglich an zu unterrichten. Und zwar mit links! Es wird Spaß machen! Es ist der tollste Job der Welt! It’s absolutely amazing! Und wer weiß, vielleicht ist ja sogar was dran. Das Reizvolle an der (wahrhaft teuer erkauften) Mitgliedschaft in der “Community” ist, dass man mit diesem Zertifikat theoretisch überall, in jedem Studio der Welt, unterrichten kann. Man braucht nie wieder Schuhe, macht Lahme gehen und sich selbst den ein oder anderen Freund. Das hat man nicht in jedem Beruf.

Auf dem Hotelzubringer in Richtung WalMart, am Golfplatz entlang, blüht ein Baum mit dicken, gelben, kelchförmigen Blumen, die aussehen wie Plastik. Der Baum ist sehr spendabel. Überall auf dem Gehweg liegen abgefallene Blüten. Dicke SUVS und Taxis brettern vorbei. Der Eingang zum Hotelgelände wird von uniformierten und bewaffneten Männern bewacht, die freundlich winkend mit “Hola” grüßen.

Viele aus der Gruppe zählen schon die Tage und verbleibenden Yogaklassen. 21 Tage, 33 Klassen. Und dann, so heißt es immer, werden alle sehr traurig sein, und voller Verklärung an diese schrecklich schöne Zeit zurückdenken. Angebellt, aufgescheucht und zu allerhand gezwungen. Die Wochenenden erschöpft unter Palmen. Zurückkehren werde ich mit weniger Geld, weniger Oberweite, aber womöglich auch mit etwas weniger Ungeduld mit allem und jedem. Womöglich ist das dann die angekündigte Transformation, die man hier erfahren soll. Na schön. Es gibt Schrecklicheres.

May 17, 2008. Geschrieben vom frollein im Reisetagebuch.
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Es kann nur schöner werden

Die sechste Woche hatte es in sich. Nie waren so viele erschöpfte Gesichter, Tränen und Überdrehtheit zu sehen. Ein Kandidat begann sich im Vortragssaal die Füße am Trinkwasserbehälter zu waschen und wirres Zeug zu reden, um umgehend zum Flughafen und in die Obhut seiner Mutter expediert zu werden – so das Gerücht. Vor Bikrams gefürchteten, nicht enden wollenden “Vorlesungen” war der Geräuschpegel im Saal so laut, und durch verschiedene Gruppenfotoshootings zusätzlich aufgeheizt, dass das Durchbrennen von Sicherungen allerdings allzu verständlich war. Vor den posture clinics ging das Stimmengewirr von nur dreißig Personen im Raum bereits an die Schmerzgrenze. Die nasalen Stimmen der blonden Texanerinnen klangen als endgültig sinnentleertes Quaken durch den Raum. Lärmschübe begleiteten die letzten Tage, zusammen mit einer neuen Grippewelle. Auch beim Yoga in unmittelbarer, schwitzender Nähe so vieler Menschen waren sämtliche Selbstbeherrschungsmechanismen erforderlich, und viel Vertrauen auf das eigene Immunsystem. Die unschönen körperlichen wie auch mentalen Zustände wurden so akut, dass sie sich während der Klassen in den Dialog einbrannten:

„Arme über den Kopf, Handflächen zusammen, und stöhnen!“

„Erstes backward bending, und breiig husten!“

„Vorsichtig das Knie nach unten drücken, und zweimal niesen!“

„Vor dem Dreieck in sich zusammenklappen, und Hals über Kopf aus dem Yogaraum rennen!“

In den ersten Reihen sorgte „Haare ausschütteln und sich im Spiegel bewundern“ für zusätzliches Aggressionspotential.

Es war nicht leicht, in der sechsten Woche ein Yogi zu sein. Und genau darum ging es.

Nachdem wir unser schönes Hotel bereits mit allerhand Konferenzteilnehmern hatten teilen müssen – Tupperwarevetretern, mexikanischen Seifenoperstars, mexikanischen Bankangestellten (die betrunken über Balkone kletterten) – reiste diese Woche eine große Gruppe von Schönheitschirurgen an, allesamt mit BOTOX-gesponserten Namensschildchen ausgestattet. Ihre erste Amtshandlung war, das Frühstücksbüffet zu verstopfen. Nicht wahr, ein pikantes Aufeinandertreffen zweier sich ausschließender Prinzipien! Entsprechend beäugen sich beide Seiten aus dem Augenwinkel. Unter dem Fahrstuhllicht ist der prüfende Blick der Ärzte spürbar; die dreihundert ganzheitlichen Yogis aber ziehen nach der Klasse leichtbekleidet mit ihren Matten durch die Lobby und straffen den Rücken wider die aufgebrezelten Frauen, die demonstrativ in hohen Schuhen und knappen Kleidchen im Durchzug stehen. Ob es sich dabei um assoziierte Mitglieder des Ärztekongresses, also um zukünftige Opfer oder fertige Produkte der Schönheitsindustrie, oder einfach nur um unschuldige Touristinnen handelt, ist unbekannt.

May 17, 2008. Geschrieben vom frollein im Reisetagebuch.
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Shock and Awe

TOLL! Bei aller Wiederkehr des Gleichen gibt es immer wieder Überraschungen! Nachdem wir schon manche Spielart durchlebt haben – kühle Yogaklassen, heiße Yogaklassen, schwere Yogaklassen, leichte Yogaklassen, leise Yogaklassen — wurde uns heute Morgen zur Abwechslung eine GANZ LAUTE YOGAKLASSE GEGÖNNT! JA! DIESE YOGAKLASSE WAR SEHR, SEHR LAUT, SO LAUT WIE NOCH NIE! ES WAR EINE LAUTE YOGAKLASSE, DIE AN SEHR LAUTE LAUTSPRECHER IN EINER GROSSEN BAHNHOFSHALLE ERINNERTE! ODER ANS IM-CLUB-DIREKT-NEBEN-DEM-VERSTÄRKER-STEHEN! ZUM GLÜCK GIBT ES NUN KEINERLEI GRUND, SICH WÄHREND EINER YOGAKLASSE ZU UNTERHALTEN, DENN SONST WÄRE DIE KONVERSATION RECHT SCHWIERIG GEWESEN! NEIN, MAN HÄTTE SEIN EIGENES WORT NICHT VERSTANDEN! SO LAUT WAR ES, DASS MAN INS OHR SEINES NACHBARN HÄTTE AUS VOLLEM HALSE SCHREIEN MÜSSEN, UND ZWAR KRÄFTIG! AUF JEDEN FALL WAR EINE SO LAUTE YOGAKLASSE EINE GROSSE ÜBERRASCHUNG! DARÜBER HINAUS STEHT ZU VERMUTEN, DASS EINE YOGAKLASSE IN DIESER LAUTSTÄRKE ZU DEM HIER VERTRETENEN PRINZIP GEHÖRT, WAS EUCH NICHT UMBRINGT, MACHT EUCH STÄRKER! WARUM ALSO NICHT MAL EINE SCHÖNE LAUTE, DAS SPRICHWÖRTLICHE TROMMELFELL-ZUM-PLATZEN-BRINGENDE, ORIGINAL SUPERLAUTE YOGAKLASSE? DAMIT ES MAL RICHTIG KRACHT UND KNISTERT, UND DAMIT MAN SICH IM BALANCING STICK DARIN ÜBEN KANN, NACH LEIBESKRÄFTEN DIE ARME ÜBER DIE OHREN ZU DRÜCKEN! NEIN, DIE LAUTSTÄRKE EIN KLEIN WENIG HERUNTERDREHEN, DAS WÄRE NICHT GEGANGEN! AUF ANFRAGE LAUTETE DIE ANTWORT DES LEHRERS DURCHS HEADSET SCHLICHT UND ERGREIFEND: “SHUT UP!“

DANKE!

GLEICHFALLS!

May 14, 2008. Geschrieben vom frollein im Reisetagebuch.
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Grundbedürfnisse – entweder man hat sie, oder man hat sie nicht

„Sleeping and eating are the worst crimes of your life“ — dieser Satz gehört zu Bikrams Aphorismen. Trinken, das darf man gerade noch. Und der Durst ist groß. Der Yogaraum ist heiß, der Teppich grau, und entgegen der wiederholten Aufforderung unserer Einpeitscher, während der Yogaklasse nur wenig zu trinken und statt dessen vor und nach der Stunde die verlorene Flüssigkeit auszugleichen, bechern die Trainees, als wenn es kein morgen gäbe. Lustige, leuchtend orangefarbene und mehrere Gallonen fassende Isolier-Trinkeimer, alle aus ein und derselben Charge unseres nächstgelegenen WalMart, sprenkeln hie und da den Yogaraum. Die bereits sprichwörtlichen „orange buckets“, die der Trinker nur beidhändig greifen kann und sich vors Gesicht halten muss, um durch einen unkleidsamen weißen Plastiknippel die Flüssigkeit aufzunehmen, werden selbstredend mit den auf jeder Hoteletage in großen Apparten erhältlichen, lebensnotwendigen Eiswürfeln gefüllt. Bei kollektivem Ansetzen klirrt es durch den ganzen Raum. Nach der letzten Atemübung schraubt manch einer gleich den Deckel ab, um Nase und Mund in den Eimer einzutauchen. Ja, liebe Freunde, es ist heiß. Ja, man schwitzt wie nie zuvor, und das auch noch zweimal am Tag. Ja, der Durst ist unermesslich. Und ja, es wird von Tag zu Tag schlimmer. Aber wie soll denn das weitergehen, zum Beispiel in zukünftigen Trainings? Wird man Wasserwerfer aufstellen, künstliche Teiche anlegen? Verlegt man das Yoga gleich in die städtische Kläranlage? Dass diese epidemische Trinkgewohnheit nicht schon in der ersten Woche ausgemerzt wurde, lässt an der Integrität des Veranstalters zweifeln.

Auch das Mitnehmen von Kissen, Kuscheldecken und Teddybären in den Vortragssaal droht Schule zu machen. Wobei man in diesem Fall fast schon wieder Nachsicht üben muss. Unser jüngster, von Bikram angeregter Kinoabend mit der DVD-Ausstrahlung des MAHABHARATA (Gesamtlänge 92 Stunden, von denen wir inzwischen immerhin acht bis neun abgehakt haben) zog sich am Freitagabend bis vier Uhr morgens hin. Und das nach einem vollen Arbeitstag mit zwei heißen Yogaklassen. Selbstverständlich durfte niemand vorzeitig den Saal verlassen. Dieserart Zermürbungsversuchen kann nur mit yogischer Gelassenheit und der festen Absicht entgegengewirkt werden, das Epos irgendwann einmal in aller Ruhe zu lesen. Im Anschluss an die Suche nach der verlorenen Zeit und das Telefonverzeichnis von Mexico City, versteht sich.
Zu diesem Bollywoodstreifen, der unter anderen Umständen (zum Beispiel freiwillig, und mit Option auf den Gebrauch der Vorspultaste) keinen geringen Unterhaltungswert hätte, möchte ich meinen holländischen Mittrainee zitieren: „It wasn’t an A-Movie, it wasn’t a B-Movie, it wasn’t a C-Movie, it wasn’t a D-Movie. It was an F-Movie. A F*****G MOVIE.“ Aber da war H. ein bisschen streitbarer als sonst.

Ein Höhepunkt der fünften Woche war das Aufschlagen einer Kokusnuss gegen Bikrams Kopf. Und das ging so: Bikram nahm eine Kokusnuss und schlug sie sich an seiner Stirn auf. Ob Uri Geller und David Copperfield ebenfalls hier in der Lehre waren, überlassen wir der Spekulation. Mitglieder des Hofstaats brachten dienstwillig Gläser heran, und Bikram saß auf der Bühne in seinem weißen Sessel, und trank. Später fuhr er fort, Karamellbonbons in die Menge zu werfen.

May 10, 2008. Geschrieben vom frollein im Reisetagebuch.
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Tod, wo ist dein Stachelrochen?

Nachts vor dem Swimmingpool schlafen die Aufblastiere, auf der Seite liegend. Morgen wird ein anstrengender Tag.

Innerhalb von Sekunden geht die Sonne über dem Golfplatz auf.

Und dann ist Sonntag, und alle haben frei.

Die einen fahren zu den Klippenspringern (und kehren ein wenig enttäuscht zurück).
Eine andere zieht mit Dosen los, um streunende Hunde zu füttern (nein, eine andere).
Einer unserer Gastlehrer hat sich zur Feier des Tages den Bart rasiert. Staunend tritt er aus dem Fahrstuhl, als wenn er die Welt auf einmal mit ganz neuen Augen sähe.

Kurzes Plaudern am Morgen auf dem Sofa in der Lobby. Ein älterer Mann aus Mexico City erzählt, dass er jedes Jahr über den Maifeiertag nach Acapulco komme. Letztes Jahr habe er mit den Füßen im Meer gestanden und einen gewaltigen Schwarm Stachelrochen beobachtet.

Das Hotel wimmelt von Wochenendgästen, viele mexikanische Familien. Mariachi-Beschallung aus allen Ecken.

Tiefbraune Haut auf Plastikstühlen unter den Strandzelten.

Die Brandung ist so tosend, die Unterströmung so reißend, dass nichts auf dem Sand liegenbleibt. Keine Muschel, kein Krebs, kein Kieselstein. Das Strandleben ist laut und aufgeputscht wie ein Rummelplatz, nach der dritten Runde auf der Krake. Fauchend rollen die Wellen heran. Lieselotte entwirft beim Baden Szenarien vom Tod durch Rochenstachel, und bangt nach jeder Welle um ihr Bikinioberteil. Die mexikanischen Kinder sind an die Extreme angepasst und surfen auf Styroporbrettern, die sie am Handgelenk befestigt haben. Nur wer dabei wem nicht entrissen werden soll, bleibt unklar.

Am Imbissstand im Garten werden nachmittags Kokosnüsse geköpft, und auf dem Rasen kopulieren die Krähen.

May 4, 2008. Geschrieben vom frollein im Reisetagebuch.
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good fences make good neighbors

Unsere große, glückliche Familie hat Schnupfen. Was anfänglich von den Veranstaltern mit großem Gestus für Woche 4 bis 5 geweissagt wurde, ist jedoch kein Zeichen einer finsteren Macht, sondern das Ergebnis der mechanischen Verwirbelung von Bakterien im Yogaraum. Dadurch, dass wir alle das gleiche Niesen, das gleiche Röcheln und das gleiche Husten haben, wachsen wir noch enger zusammen. Und das ist etwas Wunderbares.

Es war immer ein leicht anrüchiges Wort: E******. Nicht nur, weil dieser Begriff bei dieser speziellen Form der Leibesübung, um es vorsichtig auszudrücken, inflationär ist. Manche sehen eben lieber die praktischen Seiten des Yoga, als dass sie obskuren E******-Flüssen nachzuspüren geneigt sind. Da jetzt aber gezwungenermaßen zur Wissenschaft für sich geworden ist, an welcher Koordinate im Yogaaum und neben welchem Kollegen zu liegen das qualitative Überleben der mittlerweile brütendheißen Yogaklassen sichert, zum Thema nur soviel: Das verzweifelte Herumsuchen nach dem passenden Platz im Raum wurde uns freundlicherweise mittels Einführung eines Platzierungs-Rotationssystems abgenommen. Es soll nicht immer dieselbe Maus in der letzten Reihe hinter der Säule schlafen. Mittwochs liegen beispielsweise Gruppe 13 und 3 in Reihe 7, 8 oder 9, und so weiter. Bei Nichtbeachtung Strafe. Nun befinden sich aber nur an ausgewählten Stellen der Decke die zunehmend beliebten Ventilatoren, die nach etwa einer Stunde etwas auszuströmen beginnen, das entfernt und mit viel gutem Willen an Luft erinnert. Wer indessen zu Reihe 1, 2 oder 3 verdonnert wurde, steht nicht nur unmittelbar unter dem Podium des Lehrers und ist dessen Korrekturen ausgeliefert. Er kann sich spätestens nach dem Zehenstand im Zustand der Erstickung und Totalerschöpfung inmitten seiner eigenen Schweißlache auf die Matte sinken lassen, um auf die Gnade der eigenen Hyperventilation zu hoffen. Mit „learning to live with discomfort“ umschreibt man hier eine Praxis, die eigentlich ein Fall für Amnesty International wäre. Aber die Sache hat auch ihr Gutes. Es ist noch keiner dabei gestorben. Und die Erkenntnis, dass es dann sehr wohl einen Unterschied macht, ob der Nebenmann die ganze Zeit stöhnt und in sein Handtuch bricht, oder kraft Kraft und guter Strahlen schwächelnde Frolleins aus der awkward pose hochzureißen versteht wie der tätowierte Schauspieler aus Orlando (Florida; nichtandrogyn) – zerstreut auf einmal jeden Zweifel.

May 3, 2008. Geschrieben vom frollein im Reisetagebuch.
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no touchy-touchy!

Die Gewöhnung an das neue Zuhause ist schon so weit gedrungen, dass die Wochenendgäste wie Eindringlinge erscheinen: Bäuchige Männer in knielangen Hosen, und Frauen auf Stilettos unterwegs zu den Sanitäranlagen. Kaum zu glauben, dass es Leute gibt, die hier nichts Besseres zu tun haben als die Fahrstühle zu verstopfen, mittags den ersten Tequilacocktail am Pool zu kippen und später zur Abwechslung ein bisschen im Meer herumzustehen. Unter der Woche dagegen haben wir das Hotel für uns. Direkt nach der Morgenklasse laufen wir an den Strand, die Matten im Schlepptau, und kämpfen mit den Wellen um unsere Yogaklamotten. Zwischen Hotelanlage und Strand ist eine kleine Oase mit Liegestühlen und Ozeanblick, eine Grünzone zwischen Swimmingpoolgewusel und dem heißen diesigen Strand mit seinen unaufhörlichen Tücher-, Fahrzeug und Essensangeboten. Hier liegt man unter Palmen im Schatten und kann hinter der Sonnenbrille beobachten, wer wie lernt — einzeln, mit Software, in Gruppen, im Bikini, mit Silikon oder ohne – und wer mit wem anbändelt.

Während Bikram den Trainees bei einer seiner ersten Predigten zur Stärkung der Moral „no touchy-touchy, no kissy-kissy, no feely-feely, no f***y-f***y“ ans Herz gelegt hatte, macht sich die Entbehrung immer deutlicher in Form von Ersatzhandlungen bemerkbar. Dass es sich hier um 300, im normalen Leben mit Partnern und Familien ausgestattete Individuen handelt, fällt mehr oder minder flach. Das Leben ist jetzt und hier. Und hier werden Nackenzonen massiert, Liegestühle geteilt und Frisbees ausgetauscht. Und die von Emmy im Anschluss an die Yogaklasse empfohlene Beckenbodenstärkung durch Muskelkontraktionen macht die Sache nicht besser.

April 26, 2008. Geschrieben vom frollein im Reisetagebuch.
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“from inside out, bones to the skin, with your smiling, happy face”

Nach zweiwöchigem Marsch durch die Anatomie des „Dr. T“ sind wir jetzt in die sogenannten posture clinics vorgerückt, und wieder manifesiert sich die psychologische und logistische Ausgeklügeltheit dieses Trainings. Unser Geld landet nicht nur in Brecheimern und Uhren mit Sekundenzeigern, sondern in mathematischer Kombinationsarbeit. Wie schwer wie vielen Leuten das Aufstehen und animierende Aufsagen des Dialogs fällt, kann über die nächsten Wochen hinweg in 16 Gruppen à zwanzig Leuten, von denen immer zwei verschiedene Gruppen im zweifachen Rotationssystem aufeinandertreffen, in eigens angemieteten Suites des Hotels mit allzu fernem Meerblick beobachtet werden. Wieder ist alles und jede Möglichkeit vertreten: der New Yorker Feuerwehrmann, der 9/11 live erlebt hat, aber keine einzige Zeile des Adlers vernünftig herausbringt. Die schweizer Schönheit, die sich charmant und völlig vergebens aus dem Lernen herauszuwinden versucht. Amerikanische Sportmädchen mit Dialogen, die so vollendet sind wie ihre Oberschenkel. Jeweils drei aus der Gruppe treten als „Schüler“ auf, und einige hat man immerhin schon so liebgewonnen, dass man sie nicht unter Stammeln und Stottern quälend lang auf den Zehenspitzen verharren lassen möchte. Jeder Auftritt wird von immer anderen Lehrern und Hilfslehrern bewertet, kommentiert und notiert, und die Summe entscheidet am Ende, ob man würdig ist, sein Zertifikat zu erhalten. Die gute Nachricht: 99% kommen durch. Die schlechte: fast jeden Tag mündliche Prüfung. Selbst Prüfungsfanatiker kommen da ins Schleudern. Was das heißt? Noch mehr schwitzen. Und noch weniger schlafen. Nachts sieht man in allen Winkeln des Hotels kleine Lerngrüppchen in seltsamen Verrenkungen, und von irgendwo schreit jemand: „KICK YOUR LEG UP!“.

April 26, 2008. Geschrieben vom frollein im Reisetagebuch.
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O Du Oberschenkelmuskel

Du fremder schöner Quadrizeps: erhaben und verwegen

Wirfst Du Dich auf und meinem sehnsuchtsvollen Blick entgegen.

Betörend ist Dein Muskelspiel. Spiel mit und kontrahier,

Du quälend schöner Quadrizeps, beweg Dich! Her zu mir!

April 20, 2008. Geschrieben vom frollein im Reisetagebuch.
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it’s absolutely amazing!

Es werden keine Mühen gescheut, die Trainees auf ihre neue Aufgabe vorzubereiten - dazu wird gehören, vor einer größeren Menge frei zu sprechen. Konstruktives Sprechtraining zu diesem Zweck hätte eigentlich nicht schaden können. Dass die entsprechende Unterweisung bei Dr. Lillian Glass eher die Geister zu scheiden als die versammelte Mannschaft ratzfatz zu perfekten Sprechern zu formen wusste, war das Ergebnis eines kurzweiligen und furchterregenden Veranstaltungsnachmittags.

Sie soll zwei Doktortitel besitzen, Psychologin/Kommunikationsexpertin und Autorin diverser Bestseller sein. Üblicherweise beläuft sich ihr Stundenlohn auf 200 Dollar. Wir bekamen sie „umsonst“: eine blondierte Frau im besten Alter mit ausgeprägtem Oberbau und Fransenponcho, die anfangs mit unterdrückter Verzweiflung an ihrer am Rücken befestigten, offenbar problematischen Mikrofonanlage veitstanzartig hantierte und dadurch vorab ein wenig an Glaubwürdigkeit einbüßte. Das machte sie durch ihr professionelles Organ mehr als wett, das durch den Saal dröhnte wie ein klemmendes Bootshorn.

Da die unter „Body-Makeover“ laufende, sprechtherapeutische Blitzheilungs-Show auch noch gefilmt wurde (von welcher Instanz, wurde uns verheimlicht), fühlte man sich in eine amerikanische Fernsehshow katapuliert. Wir wurden laut aufgefordert, auf die Bühne zu treten, um uns in Sachen Körpersprache, Stimme und Auftreten innerhalb von rund einer Minute nicht etwa (wie sie betonte) demütigen, sondern generalüberholen zu lassen.

Und so geschah das Wunder von Acapulco. Die Veranstaltung schaukelte sich im Verlauf des Nachmittags in so hysterische Höhen, dass immer mehr Yogis von beiden Seiten auf die Bühne stürmten, um sich visionäre Ratschläge wie „Zähne beim Spechen mehr auseinander!“, „Arme nicht vor der Brust verschränken!“, „nicht beim Reden am Leibchen zupfen!“ abzuholen und sich unter dröhnenden Jubelrufen („ISN’T IT AMAZING!“, „HE’S A COMPLETELY NEW PERSON!“, „IT’S A MIRACLE“) und donnerndem Applaus in ihr neues Leben entlassen zu lassen.

April 19, 2008. Geschrieben vom frollein im Reisetagebuch.
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